Philosophie kann keine Rezepte anbieten, nur zur Selbstbestimmung anleiten. | Blickt man auf die Fülle der inzwischen fast ins Unüberschaubare angewachsenen "populären" philosophischen Literatur, auf die ebenfalls anwachsende Zahl der philosophischen Cafés und philosophischen Praxen, so scheint das Urteil berechtigt: Philosophie ist "in". War es in den vergangenen Jahren eher die Psychotherapie oder die Psychoanalyse, zu der Menschen in Krisensituationen ihres Lebens Zuflucht und Rat suchten, so ist dies zu einem nicht unbeträchtlichen Teil zur Philosophie hinübergewandert. Philosophische Ratgeber aller Art, von in Bahnhofshandlungen angebotenen Büchern über Philosophen als Lebensberater in ihren Praxen und die Einbeziehung von Philosophen in Management- und Unternehmensseminare, sind im Wachsen.

Öfters abseits, aber oft auch in Verbindung mit den institutionellen universitären Anbietern des Studiums der Philosophie erfreut sich offenbar die Philosophie einer anwachsenden Beliebtheit.

Ebenso ist die Inanspruchnahme der Philosophie als Anleitung zur Lebenskunst und auch als Lebenshilfe sowohl auf individueller Ebene wie auch auf gesellschaftlicher unübersehbar geworden.

Wittgenstein: Philosophie ist eigentlich Arbeit an sich selbst

Die Hilfe der Philosophie für eine reflektierte Lebensführung und Beratung in schwierigen Lebenssituationen trifft freilich nur einen Teil dessen, was Philosophie zu bieten beansprucht, aber es wäre akademisch einäugig, diesen Anspruch geringzuschätzen.

Dass Philosophie auch Lebenskunst bedeutet, ist freilich nicht neu. Von Seneca und seiner Devise "Eigne Dich Dir an" und Montaigne: "Philosophie ist es, die uns lehrt zu leben" bis zu André Comte-Sponville und Richard David Precht in der Gegenwart ist dieser Versuch, uns zu einem "Savoir-vivre" zu führen, immer wieder als eine entscheidende Aufgabe der Philosophie gekennzeichnet worden. Dazu passt auch der viel kolportierte Ausspruch Ludwig Wittgensteins, dass Philosophie eigentlich Arbeit an einem selbst wäre.

Das, was der Mensch aus sich selbst macht, wie er seinen Lebensentwurf und auch Lebenssinn realisiert, dazu bedarf es offenbar in einer zunehmend kälter gewordenen Welt der Ratschläge der Philosophen.

Darum florieren nicht zuletzt die philosophischen Praxen, die die Möglichkeit bieten, das, was sich in der Philosophie an Einsichten, Argumentationen und, wenn es hoch kommt, auch an Weisheiten angesammelt hat, an interessierte Menschen vornehmlich im Gespräch weiterzugeben. Solche Gespräche können im Idealfall zu neuen Erkenntnissen führen und uns dem Anspruch, nicht nur gut zu leben, sondern dieses Leben auch bewusst zu gestalten, näherbringen.

Während psychotherapeutische oder psychoanalytische Behandlungen für den Betroffenen sehr oft das Problem des Nachgeschmackes der psychischen Erkrankung mit sich bringen, ist das Gespräch in den philosophischen Praxen, auch wenn es sich dabei um schwere Krisensituationen handelt, die der Betroffene zu bewältigen versucht, auf einer anderen Ebene angesiedelt. Ohne damit die Verdienste von Psychotherapie oder Psychoanalyse zu schmälern, es ist aus dieser Perspektive sicher die Gefahr nicht immer zu vermeiden, dass die Analyse paralysiert, aber der Weg zu einer Rekonstruktion des Selbst ist ein sehr schwieriger.

Dazu kommt auch der immer mehr schwindende Einfluss der Religionen und ihrer seelsorgerischen Aufgabe. In einer unheil gewordenen Welt sich zurechtzufinden fällt dem Einzelnen nicht nur in sogenannten Grenzsituationen des Lebens nicht leicht, und gerade in einer Zeit, in der Twitter, Facebook und Webmail die Kommunikation vom Gespräch auf das technische Medium verlagern, wächst andererseits der Bedarf nach einem Dialog, wächst der Bedarf gehört zu werden. Man muss nicht so weit gehen wie Villem Flusser und die Myriaden von Informationen meist ohne jeden Sinn, die auf uns niederprasseln, verurteilen. "Undinge dringen gegenwärtig von allen Seiten in unsere Umwelt, und sie verdrängen die Dinge. Man nennt diese Undinge Information."

Der Mensch verschwindet hinter Doubles und Klonen

Natürlich leben wir in zwei Räumen: im Cyberspace als einem "kybernetischen Raum" und im handfesten konkreten Raum unserer Lebenswelt. Konnte Kant noch das moralische Gesetz in mir und den gestirnten Himmel über mir als das bezeichnen, was uns mit Ehrfurcht erfüllt, stehen wir heute eher vor einem digitalen Himmel, der über uns schwebt und zu dem wir aufblicken. Gewiss, der "homo digitalis" und seine Möglichkeiten können als Gewinn für die verwaltende Lebensführung dienen, für die orientierende oder nach Orientierung suchende Lebensführung ist er weitgehend ungeeignet.

Dies scheint auch ein Dilemma unserer sogenannten "Wissensgesellschaft". Das auf Millionen von Festplatten gespeicherte Wissen, das auf Abruf und Knopfdruck bereitsteht, überfordert uns, denn es scheint nicht mehr wichtig zu sein, Wissen zu haben, sondern eher zu wissen, wo und wie dieses Wissen zu haben ist.

Das Entsetzen über Computerabstürze, das in allen Unternehmen zu beobachten ist, und der daraus folgende Zwang zu archaischen Kulturtechniken zurückzukehren, wie Lesen und Schreiben, ist ein deutliches Symptom für die Kluft zwischen unseren lebensweltlichen Ansprüchen und dem, was die Technik für uns bereithält. Die Manipulation, aber auch die Herstellung der Wirklichkeit, die damit Hand in Hand geht, ist auf bestem Weg, den Menschen zu einem Xerox, einem Double seiner selbst werden zu lassen. Oder wie dies Jean Baudrillard formuliert hatte: Das menschliche Wesen sei auf dem Weg, hinter seinen Doubles und Prothesen, seinen biologischen Klonen und Bildern zu verschwinden. Denn nicht wir siegen über die Welt, sondern die Welt über uns.