"Eine Zumutung! Die Welt steht nicht mehr lange!" Hoffentlich, denn eigentlich sollte sie sich ja drehen, also bewegen - aber das geht mindestens einer Million Mütter gehörig gegen den Strich. Die US-amerikanischen "One Million Moms" (OMMs), eine evangelikale Subgruppierung der großen, extrem-religiösen und einflussreichen "American Family Association" mit mehr als 100 nationalen Radiostationen und landesweiten Propagandainitiativen, hat es zu einem ihrer Hauptziele erklärt, die Weltbevölkerung, insbesondere ihre Kinder, vor "homosexueller Verunreinigung" zu bewahren.

Das bedeutete freilich besonders in den vergangenen Jahren (und vor allem Monaten) extrem viel Stress für das - nicht ganz zu Unrecht als "rightwing hausfraus" kritisierte - Damenkränzchen, das sehr wohl auch von Männern unterstützt wird und manch dubiose "Erfolge" feiert.

Ihre jüngsten Feldzüge richten sich gegen die Comic-Verlage DC und Marvel, die es tatsächlich wagen, manche ihrer Figuren schwul sein zu lassen. Dabei ging alles so schnell: Noch im Juli 2011 hatte sich DC-Herausgeber Dan DiDio noch geschickt aus der Affäre gezogen, als ihn das US-Schwulenmagazin "Advocate" gefragt hatte, ob denn bald auch homosexuelle Superhelden zu erwarten seien: Wenn, dann würde man auf jeden Fall eine neue Figur schaffen, aber nicht die Sexualität eines bestehenden Helden ändern. Doch dann, Anfang Mai, der Knalleffekt: Green Lantern ist DCs neuer schwuler Superheld.

Eingezeichnete Partnerschaft

Ein Held, der nicht auf Supergirl und Wonder Woman steht? Die bestehende Fanbase wurde vorsorglich beruhigt: Die neue Personifizierung von Green Lantern sei führungsstark, gerechtigkeitsliebend - und eben auch homosexuell.

Freilich ist mit Green Lantern keine Superhelden-Königsfigur wie Batman oder Spiderman betroffen; die Green Lanterns sind, genau genommen, Randfiguren im DC-Comic-Universum. In diesem Fall geht es um die Figur des Alan Scott, ein bereits 1940 entwickelter früher Green Lantern. Scott erschien jahrzehntelang in Gastauftritten, eine eigene Serie bekam er nie. Für den sexuellen Wandel holt ihn der Verlag nun hervor, auch wenn es sich dabei um einen Herrn über 60 handelt, drastisch verjüngt natürlich.

Nachdem die Entscheidung für den schwulen Green Lantern sofort auf großes mediales Echo stieß, zog DCs ewiger und größter Konkurrent Marvel Comics gleich Mitte Mai nach und kündigte eine Schwulenehe in der "X-Men"-Serie an: Das Heft "Astonishing X-Men" #51, Erscheinungstermin 27. Juli 2012, soll die Hochzeit des Mutanten Northstar mit seinem Manager Kyle Jinadu erzählen. Interessantes Detail dabei: Die bereits in den späten 1970ern geschaffene Figur des Northstar war schon damals als schwul konzipiert. Die damalige Verlagspolitik verbot jedoch, dies in den Comics offen anzusprechen. So erlebte die Figur erst 1992 ihr Coming-out. Allerdings spielt Northstar ebenso wie Green Lantern Alan Scott eine eher beiläufige Rolle.

"Batman ist sehr schwul"

Dass es am Ende also wieder nur eine Randfigur ist, die eher zufällig einen bekannten Heldennamen trägt, zeigt den großen Anteil an Vorsicht, mit dem nicht nur Marvel und DC, sondern auch andere US-Verlage einerseits aktuelle gesellschaftliche Veränderungen aufgreifen wollen und sich um die sexuelle Emanzipation ihrer Figuren bemühen - andererseits damit aber keinesfalls ihr Publikum verschrecken möchten.

Apropos: Wer ist denn das Hauptpublikum der Marvel- und DC-Comics? Man ahnt es: heterosexuelle Männer über 30. Genau diese wurden vor kurzem durch Äußerungen von "Batman"-Autor Grant Morrison in der Mai-Ausgabe des "Playboy" völlig verstört, als der 52-Jährige dort zu Protokoll gab, dass Homosexualität ein wesentlicher Bestandteil des "Batman"-Charakters sei. Konkret sagte er: "Ich möchte das hier nicht in einer abwertenden Art und Weise verstanden wissen, aber Batman ist wirklich sehr, sehr schwul. Das kann man einfach nicht verneinen. Ganz offensichtlich soll er als fiktiver Charakter heterosexuell sein, aber die gesamte Grundlage des Konzepts ist einfach stockschwul. Und das ist, glaube ich, auch der Grund dafür, dass die Leute es mögen. All diese Frauen, die auf ihn stehen, und alle tragen sie Fetisch-Klamotten und hüpfen über Häuserdächer, um ihn zu bekommen. Aber es interessiert ihn nicht - er hängt lieber mit dem alten Typen und dem Kind herum", so Morrison.

So etwas schlug natürlich ein wie ein Komet in die Umlaufbahn jener heterosexuell-männlichen Wunscherfüllungsfantasien, von denen Superhelden-Comics eben getragen sind. Die hyperpotenten, "typisch" männlichen Helden sind die Eckpfeiler einer jahrzehntelang vermarkteten Traumwelt, an denen der seit Jahren schrumpfende US-Comic-Markt aus großer Risikoangst immer noch festhält. "Können Sie sich einen kleinen Buben vorstellen, der sagt, er wolle ganz wie X-Man einen Ehemann haben?", fragen nun also die "One Million Moms" empört auf ihrer Website. "Ja", sagen Verleger wie DiDio: "Auch Schwule sind Helden, nicht umgekehrt." Doch die OMMs beanstanden weiterhin, dass hier böse Mächte formbare junge Gemüter beeinflussen wollen, indem sie schwule Figuren auf den Sockel heben und ins positive Licht setzen.