Die Entscheidung zwischen Kind und Karriere ist nach wie vor ein spezifisch weibliches Dilemma. Lösungsmodelle scheitern bisher an der geringen Flexibilität der Arbeitgeber. - © Judith Belfkih
Die Entscheidung zwischen Kind und Karriere ist nach wie vor ein spezifisch weibliches Dilemma. Lösungsmodelle scheitern bisher an der geringen Flexibilität der Arbeitgeber. - © Judith Belfkih

"Da, wo du nicht bist, ist das Glück" - so ähnlich wie Schuberts Wanderer empfinden viele Mütter die Entscheidung darüber, wie sie nach der Karenz Beruf und Familie unter einen Hut bringen sollen. Oder ob sie sich überhaupt wieder irgendeinen Hut aufsetzen sollen. Denn glücklich sind die meisten mit keinem der naheliegenden Modelle, die unsere Gesellschaft standardisiert anbietet.

Entscheidet sich eine Mutter dafür, zu Hause bei den Kindern zu bleiben, fällt ihr mitunter - trotz nicht enden wollender Mutterfreuden - irgendwann die Decke auf den Kopf. Und sehnt sich meist nach spätestens zwei Jahren auch einmal nach Abwechslung zwischen Brei, Windeln und Fingerreimen. Bei aller Liebe. Und jenseits der finanziellen Überlegungen. Entscheidet sie sich aber für den Wiedereinstieg in den Beruf, gar für das Verfolgen einer Karriere, nagt oft das schlechte Gewissen, doch eigentlich bei den Kindern sein zu sollen oder auch zu wollen. Zu sehen, wie sie aufwachsen, statt sich mit oder über Kollegen und Chefs zu ärgern. Dabei kommen oft beide Seiten zu kurz.

Die Mutter als Chefin

Kind da, Karriere weg. Nach wie vor mehr die Regel als die Ausnahme. Irgendwann kehrt Mama womöglich in eine Halbtagesstelle zurück. Etwas unter ihrer Qualifikation vielleicht, sie ist ja jetzt Mutter. Das fordert genug. Führungsposition steht sowieso keine zur Debatte. Und das alles nur, wenn die Kleinen betreut sind, im Kindergarten oder in der Schule. Ist eines krank, bleibt sie zu Hause. Papa hat schließlich Arbeit. Und zwar echt. Nicht nur halb.

Sie sei eine bessere Chefin, seit sie Mutter geworden ist, beschreibt die Personal-Chefin eines internationalen Konzerns ihr Leben mit zwei Kleinkindern in einem Interview. Und sie sei vor allem eine glücklichere Mutter, genieße die Zeit mit den Kindern mehr. Soziale Kompetenz und ein neues, lebensbejahendes Prioritätensystem nennt sie als Unterschiede im Beruf. Sie arbeitet effizienter, sozialer und vom Zwang der absoluten Selbstverwirklichung befreit. Davon profitieren ihre Mitarbeiter, profitiert das ganze Unternehmen. Und letztlich auch die Gesellschaft. Denn die von vielen Frauen beklagte Dominanz des Patriarchats und der damit verbundenen männlichen Gesellschafts- und Gedankenmuster wird nicht durch einzelne ehrgeizige Frauen aufzubrechen sein, die es geschafft haben, sich als unter Einhaltung der jetzigen Spielregeln einstige Männerdomänen als zu erobern.

Sie sind wichtige Pionierinnen. Den nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel werden sie nicht bringen. Dieser nicht nur in Zeiten der Krise viel beschworene Wertewandel und die dazu gehörige Abkehr von alten Gesellschafts- und Wertestrukturen kann nur über Menschen geschehen, die aus eingefahrenen Modellen und Mustern ausbrechen. Menschen mit sozialer Verantwortung, mit dem Blick für das Wesentliche. Elternschaft ist nicht die einzige, aber eine nicht verachtenswerte Schule dafür. Sofern man es zulässt, die Erfahrungen daraus auch in andere Lebensbereiche zu tragen. Zum Nutzen beider Seiten. Für manche ein realistisches und damit erreichbares Ziel, für andere bloße Utopie.

Zu Hause zu bleiben, sich ganz der Erziehung der Kinder und der Betreuung der Familie zu widmen, dem Stress und dem auch legitim zu hinterfragenden Ehrgeiz der Arbeitswelt den Rücken zu kehren und die eigene Elternschaft zu genießen, ist ein reizvolles Modell. Doch es gelingt nur wenigen Frauen auf Dauer. Und meist ist spätestens mit der Pubertät damit Schluss, wenn die Kinder sich nach und nach vom Elternhaus lösen. Und sich für die Eltern, vor allem für die Mutter, die Sinnfrage neu stellt.

Isolation von Mutter und Kind

Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Ein schönes Sprichwort, ein romantisches Bild. Nur leben wir leider in keinem. Nicht einmal mehr mit dem Konzept der Großfamilie. Sondern meist in Großstädten mit anonymen Nachbarn, weit weg von den Großeltern der Kinder. Ans Neurotische grenzende Mutter-Kind-Isolation ist in vielen Familien die Folge. Mama als einzige Bezugsperson, jeden Tag, den ganzen Tag. Diese totale Überaufmerksamkeit tut nach der ersten Baby-Zeit weder Mutter noch Kind auf die Dauer gut.

Jetzt liegt es natürlich bei jeder einzelnen Frau, bei jeder einzelnen Familie, darüber zu entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollen. Jede wie sie will - so einfach machen kann es sich die Politik jedoch nicht. Denn Wege aus der Zwickmühle gibt es viele. Doch sie erfordern Mut, Entschlossenheit und vor allem Unterstützung und Verständnis. Doch die sind oft Mangelware - auf der Seite der Politik, des zweiten Elternteils, der Arbeitgeber und im Bereich der gesellschaftlichen Rollenbilder.

Das Rezept für Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist einfach: Glückliche Eltern sind bessere Eltern. Und glückliche Mitarbeiter sind bessere Mitarbeiter. Doch auf dem Weg zu diesem Glück lauern Hindernisse. Diese zu überwinden ist nicht zuletzt Aufgabe der Politik, an der es liegt, die passenden Rahmenbedingungen für die Wahlmöglichkeit der Eltern zu erarbeiten. Um frei wählen zu können, braucht es entsprechende Voraussetzungen. Das Angebot an adäquater Kinderbetreuung hat sich verbessert, ist aber nach wie vor mangelhaft. Die wenigen herausragenden Einrichtungen sind überfüllt. Ohne (politische) Beziehungen oder das entsprechende Kleingeld geht nichts. Ein verpflichtender Papa-Monat ist zwar ein Feigenblatt. Kann aber - einmal ausprobiert - viel in den Köpfen der Väter verändern. Immerhin ein Anfang. Denn Gehälterungleichheit macht es Familien aus finanziellen Gründen oft nicht möglich, dass Papa länger in Karenz geht. Das Problem sitzt also tiefer als in der Frage nach dem richtigen Modell des Kinderbetreuungsgeldes.