In Wien bot sie ihre Tanzprogramme im Konzerthaus, in der Secession oder im Ronacher dar. 1924 brachte sie im Theater in der Josefstadt auch das von ihr selbst choreographierte Tanzdrama "Das Licht ruft" auf die Bühne, zu dem Franz Salmhofer die Musik komponierte. "Bauroff visualisierte in dieser Aufführung sieben Charaktere in sieben getanzten Bildern: den gierigen Geizhals, den Lügner, das Kind, den Paria, den fetten Kapitalisten, den Narren und den Sehnsüchtigen, und das zum Teil nackt." (Frauke Kreutler, siehe Literaturhinweis). In der Zeitschrift "Der Tag" feierte der Kritiker Max Ermers ihren Auftritt als "getanzte Ethik". Auch in anderen Blättern fanden sich begeisterte Besprechungen, wenngleich manch Kritiker doch Bedenken gegen die "Kostümlosigkeit" der Tänzerin vorbrachte.

Auch als Künstlermodell war Claire Bauroff, die in Berliner und Wiener Intellektuellen- und Künstlerzirkeln gerne gesehen war, sehr begehrt. Der Graphiker Ottheinrich Strohmeyer-Platenius legte schon 1919 eine Mappe mit 20 Lithographien ihrer Tänze "Hermes" und "Spreetanz" vor. Der aus Wien stammende Zeichner Benedikt Fred Dolbin, der 1925 nach Berlin gekommen war und dort Karriere machte, bannte die Dynamik ihrer Bewegungen mit dem Zeichenstift aufs Papier. Fotografen wie Nini & Carry Hess, Alexander Binder, Lotte Jacobi oder Trude Fleischmann stand sie Modell; die Aufnahmen Letzterer wurden zu Ikonen der frühen Tanzfotografie.

Trude Fleischmann, eine jener jungen, selbstbewussten Fotografinnen, die nach dem Ersten Weltkrieg in Wien eigene Studios eröffneten, sorgte mit ihren Bewegungs-, Tanz- und Aktstudien für Furore. Bei den 1924 entstandenen Aufnahmen von Bauroff verband Fleischmann moderne Sachlichkeit mit Psychologisierung. Sie platzierte den hellen Körper in tänzerischer Pose bei absoluter Konzentration auf das Modell, ohne jegliche Requisiten und vor einem schwarzen Hintergrund, mit dem die Dargestellte - völlig in sich versunken und gleichsam unbeeindruckt von der Kamera - zu verschmelzen scheint. Wenige Jahre zuvor, als es für die Darstellung des Nackten noch der vordergründig historisierten "Akademien" im Stil der Salonmalerei bedurfte, wäre diese Darbietung natürlicher unverstellter Nacktheit undenkbar gewesen.

Die in Illustrierten und Magazinen abgedruckten Fotos brachten Claire Bauroff internationale Aufmerksamkeit. Und für Trude Fleischmann, die auch mit Por-träts von Karl Kraus, Alban Berg oder Adolf Loos bekannt werden sollte, waren die Aktbilder der Tänzerin ein Markstein in der Anerkennung als Fotografin. Ihr Atelier wurde zu einem Treffpunkt des Wiener kulturellen Lebens. Als ihre Fotos von Claire Bauroff 1925 in der Vorschauvitrine des Berliner Admiralspalastes für einen Auftritt warben, wurden sie wegen unverdeckter "pikanter Stellen" von der Polizei entfernt.

Dichter und Tänzerin

Hermann Broch begegnete Claire Bauroff erstmals im Sommer 1922, anlässlich eines Kuraufenthaltes in Karlsbad. Der Schriftsteller, den dann zeitlebens eine innige Freundschaft mit der Tänzerin verband, widmete ihr sein mit 8. September 1922 datiertes Gedicht "Die Tänzerin":

"Noch ist der Tod Dir eine Welt, die schweigt; / Das Sein ist Dir noch durch und durch real, / In ihm ist Dir die Lust, ist Dir die Qual, / Aus dem Dein schmales Leben steigt: // Und Deines Lebens windverwehter Hall / Trifft den und jenen, der sich in Dich beugt, / O fremder Schatten, der Dich bloss bezeugt, / einsam als enger Punkt im All. // Und löst sich Dir die freieste Gebärde, / Spannst Du die Welt in einem grand écart, / So bleibst Du doch in ihr stets auf der Erde: - // Bis ein Gefühl in Dir sich groß gebar, / Das wissend, zeitlos die Gebärde bannt / Und dich im All, das All in Dir umspannt -".

Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten und ihrem Kampf gegen die künstlerischen Avantgarden wurde die Situation für Claire Bauroff immer schwieriger. 1927 hatte sie einen von Brochs engsten Freunden, den jüdischen Philosophiehistoriker Paul Schrecker, geheiratet. Während dieser, von dem sie sich wenige Monate zuvor getrennt hatte, 1933 ins Exil nach Frankreich und später in die USA ging, blieb Claire Bauroff, wohl nicht zuletzt in Sorge um ihre alte Mutter, für die sie im Falle einer Emigration Nachteile befürchtete, in Deutschland und arbeitete als Tanzlehrerin. 1944 wurde ihre Wohnung in der Münchner Schellingstraße durch Fliegerbomben zerstört. Sie zog aufs Land, wo sie mit ihrer Mutter bis zu deren Tod 1974 in Gräfelfing lebte. Claire Bauroff starb am 7. Februar 1984 in einem Seniorenheim.

Oliver Bentz, geboren 1969, Germanist. Kulturpublizist, schreibt seit dem Jahr 1996 Beiträge für das "extra". Lebt in Speyer.