Dresden. Noch immer verharrt die Musikwelt wie im Schockzustand nach dem Tod von Hans Werner Henze. Der deutsche Komponist, der als international führend, vielen als bedeutendster Komponist der Gegenwart galt, ist am 27. Oktober in Dresden im Alter von 86 Jahren gestorben.

Wie kommt man einer epochalen Gestalt wie Henze bei? - Vielleicht mit einem nur peripher biografischen Ansatz: Wie ist es möglich, dass der Bürgerschreck par excellence zum Inbegriff des Meisters wird, der Kommunist zu einem Komponisten für das gebildete Bürgertum?

Die Situation der Komponisten im Nachkriegsdeutschland ist eine der größten ästhetischen Herausforderungen, der sich Künstler jemals stellen mussten. Arnold Schönberg oder Anton von Webern waren in der Diktatur der Nationalsozialisten verboten. Es ist ein Gebot der Stunde, nun gerade auf ihrer Ästhetik aufzubauen. Wenn aber das eigene Wollen nicht zur Konstruktivität, sondern zum sinnlichen Klangerlebnis drängt?

Der am 1. Juli 1926 in Gütersloh geborene Henze, Sohn eines fanatischen Nationalsozialisten, den er für diese Einstellung hasst, versucht den Spagat. Er bringt sich einerseits durch das Studium der Werke Schönbergs und Weberns selbst die Zwölftontechnik bei. Andererseits interessiert
er sich für die Musik Igor Strawinskis - speziell für die neoklassizistische Musik des russischen Genies.

Doch damit sitzt Henze zwischen zwei Stühlen: Das Publikum empfindet ihn als Bürgerschreck, der von einer Dissonanz in die nächste taumelt und dessen Symphonien "Kakophonien" heißen sollten. Die sanft leuchtenden Lyrismen bleiben ungehört. Gerade an ihnen entzündet sich die Wut jener, die sich als Träger der Avantgarde verstehen. Pierre Boulez etwa tut Henze als "gelackten Friseur" ab.

Italienische Freiheit

Der Umzug nach Italien 1953 befreit Henze vom Druck, in Deutschland zwischen einer konservativen und einer avantgardistischen Fraktion zerrieben zu werden. Die 1953 begonnene Oper "König Hirsch" leitet ihr harmonisches Vokabular von zwölftönigen Verfahren ab, ist mit ihren Arien und Ensembles, ihrer italienischen Kanzonen abgelauschten Melodik aber ein Bekenntnis zu Henzes neuer Heimat.

Die Uraufführung 1956 in Berlin versinkt im Skandal: Hermann Scherchen, dirigentischer Bannerträger der Avantgarde, streicht eine Nummer nach der anderen mit dem Argument: "Wir schreiben heute keine Arien mehr." Das Werk geht als Torso in Szene, dessen ausgefeilteste Stellen fehlen.