Und ein gutes Beispiel dafür, welch sozial-politisches Instrumentarium Adressbücher abseits der reinen Personensuche sein können. Die Wienbibliothek im Rathaus widmet sich nun in einer Ausstellung und einer neuen Internetplattform der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte und Bedeutung von Adressverzeichnissen und -büchern in Wien - mit dem Hauptaugenmerk auf das von 1859 bis 1942 erschienene Kompendium "Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger".

Doch bevor der "Lehmann" als umfassendes Projekt (manche Jahresausgaben hatten bis zu vier Bände) zu realisieren war, mussten einige Grundvoraussetzungen erfüllt werden. Und die begannen in Wien in der Ära von Maria-Theresia und Joseph II. In der Zeit eines aufgeklärten Absolutismus und des Anwachsens der Städte wollten die Herrscher genauer über ihre Untertanen Bescheid wissen, auch wegen zukünftiger Steuereinnahmen und rationaler Bewirtschaftung und Ausnutzung aller Ressourcen. Dieses Denken brachte mit sich, dass weitreichende Volkszählungen mit gleichzeitiger Registrierung der Immobilien organisiert wurden. Im Jahre 1854 kam es zur Gründung des "Zentralen Anzeigenamts", dem Vorgänger des Meldeamts. Dieses Amt ermöglichte den Beamten permanente Evidenzhaltung der Bevölkerung und gilt als Grundlage einer modernen Stadtverwaltung. Das Anzeigenamt brachte eine gewisse Ordnung in das Chaos der Stadt. Es gab ja zu dieser Zeit durch den massiven, ungeordneten Zuzug aus den Kronländern und in Ermangelung von Straßennamen oder Hausnummern wenige Orientierungsmöglichkeiten. Das Auffinden von Adressen geschah oft nur durch sehr genaues Beschreiben des Umfelds, teilweise schriftlich, oft mündlich. Durch die Schaffung dieses Amtes war es erstmals möglich, dass Häuser - oft mehrfach - nummeriert wurden.

Erst in den 1860er-Jahren wurden in Wien Straßennamen eingeführt und Häuser systematisch mit Nummern versehen. Diese organisatorischen Vorleistungen ermöglichten es dem 1828 in Breslau geborenen Adolph Lehmann, dem Beispiel anderer Metropolen in Europa folgend, ein Wiener Adressbuch zu schaffen. Obwohl er zuerst mit seinem Anliegen vom damaligen Polizei-Direktor Ignaz Freiherr Czapka von Winstetten abgewiesen wurde, da dieser aufgrund des logistischen Aufwands von der Undurchführbarkeit dieses Unterfangens überzeugt war. Letztendlich wurde Lehmann die Unterstützung der Polizei doch zugesagt.

Vorschub zur Bespitzelung

Im Nachhinein stellte sich diese Entscheidung als sehr vorausblickend und weise heraus: Die Zusammenarbeit mit Lehmann ermöglichte auch der Polizei, in ihrer täglichen Arbeit effizienter zu sein, da sie auf eine aktuelle Namen- und Adressenkartei zurückgreifen konnte. Und für Lehmann brachte der Zugriff auf die Daten der Behörde eine unschätzbare Erleichterung seiner Recherche.

Und er wusste diese Kooperation werbetechnisch zu nutzen, indem er auf die Titelseiten seiner Adressbücher "Aus amtlichen Quellen verfasst" drucken lies. Eine früher Form von Private-Public-Partnership, wie Alfred Pfoser, Leiter der Druckschriftensammlung der Wienbibliothek und einer der Mitinitiatoren und Herausgeber des Projekts, betont.

Es steht außer Frage, dass das Erscheinen dieses Wiener Adressbuches für die Polizei- und einige Jahre später auch für die Finanzdirektion ungeahnte Vorteile brachte. Die Polizei, ein Hauptabnehmer des "Lehmann", hatte ein Medium bekommen, das unkompliziert zu nutzen war und somit die Identifizierung der Bürger erleichterte. Außerdem ersparte sich die öffentliche Hand enormen Aufwand, da Lehmann und seine Mitarbeiter viel Zeit und Kraft in die Optimierung der Datengewinnung steckten.

Diese Partnerschaft entwickelte sich so weit, dass eine Zeit lang Finanzministerium und Staatsdruckerei den Druck des Werkes übernahmen. Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass Adolph Lehmann den Profit an die erste Stelle gesetzt hatte. Mit der Realisierung dieses Adressbuches verfolgte er ein betont liberales, bürgerliches Projekt, bei dem anti-feudales, transparentes Denken im Vordergrund stand. Mit der Veröffentlichung der Adressdaten, auch von führenden Persönlichkeiten der Politik, Wirtschaft und Kultur, war plötzlich ein Gleichheitsprinzip in die Wiener Gesellschaft eingekehrt, das bis dahin nicht für möglich gehalten wurde: Neben hohen Aristokraten fanden sich normale Bürger in derselben Adressen-Spalte. Fürst Metternich dient als treffliches Beispiel: Der gefürchtete Kanzler und Urheber eines umfassenden Bespitzelungssystems im gesamten Hoheitsgebiet war mit einer Adresse am Rennweg verzeichnet. Sozusagen am Balkan, wie es in einem ihm zugeschriebenen Zitat heißt.

Hauptabnehmer Behörden

Wobei das aufklärerische Element des "Lehmann" mit Vorsicht zu genießen ist, denn die Auflage dieses bis zu vier Bänden dicken Druckwerks war verhältnismäßig gering. Auf nicht mehr als 4000 Stück schätzt Pfoser die größte Auflage des Adressbuchs, durchschnittlich werden es 2500 Exemplare gewesen sein. Und von dieser Auflage gingen die meisten Kopien an Behörden (dazu zählten interessanterweise auch Wirtshäuser), Hotels, Wirtschaftstreibende oder ausländische Botschaften. Für den Normalbürger blieben nicht viele Bücher über und das Gros der interessierten Bürger durchforstete das Kompendium im Kaffeehaus. Aber auch mit einer geringen Druckauflage war der "Lehmann" ein Erfolg, der bis Ende der 1930er-Jahre anhielt, und zum fixen Bestandteil städtischer (Recherche-)Kultur wurde.