Wolfsburg feiert. 75 Jahre ist die VW-Stadt eben alt geworden. Der Autohersteller, 75 auch er, hat nicht gefeiert. Es war nicht die Krise der Autobranche, die den Jubel vergällte. Es war das Gewissen. Mal nachrechnen: Vor 75 Jahren - das war also 1938. Und die niedersächsische 121.000-Einwohnerstadt hieß bei ihrer Gründung auch nicht Wolfsburg, sondern "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben". Weil ja jenes Auto, das sich als "Volkswagen" einbürgerte, ursprünglich "KdF-Wagen" hieß. Die Stadt war aus dem Boden gestampft worden als Wohnort für die Arbeiter in der KdF-Autofabrik. "KdF" - das bedeutet "Kraft durch Freude".

Diese Organisation war 1933 vom Reichsorganisationsleiter der NSDAP Robert Ley initiiert worden, um auch die Freizeit der NS-Ideologie zu unterwerfen. Der Volkswagen sollte nicht einfach ein Auto sein, das sich jeder leisten konnte, sondern vor allem ein Auto, das den, der es sich leistete, bei jeder Fahrt an die Segnungen des NS-Regimes erinnern sollte: Wer sorgt für dich? - Der Führer. Also gib Gas, hab’ Spaß und sei ihm dafür dankbar, wenn er dich einmal braucht - mit dem Gewehr in der Hand an der Front oder als Aufseher im KZ.

Wolfsburg und Wolf

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur musste zwischen der NS-Ideologie, die am Anfang der Stadt und der Volkswagenwerke stand, und dem durchaus erfolgreichen Produkt eine Trennlinie gezogen werden. Aus dem ohnedies holprigen Namen "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" wurde Wolfsburg.

Was wieder einmal ein Beweis dafür ist, dass die Geschichte Ironie kennt. Denn das in der Stadt gelegene Schloss Wolfsburg fand erstmals 1302 als Sitz des Adelsgeschlechts derer von Bartensleben urkundliche Erwähnung, wäre seinem Namen nach also unverdächtig. Doch war "Wolf" auch der Spitzname Hitlers. Als "Onkel Wolf" verkehrte er etwa in der Familie Wagner in Bayreuth. Mag die Umbenennung der Stadt vielleicht unbedacht ausgefallen sein - die Notwendigkeit bestand in diesem Fall durchaus.

Umbenennungen von Städten und Straßen sind Zeichen für Zäsuren. In Russland, dessen Nachfolgestaat Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten hat das geradezu Tradition - Paradefall St. Petersburg. Zar Peter I. benannte seine Gründung nach seinem Schutzheiligen, dem Apostel Petrus, mit dem deutschen Namen Sankt Petersburg. Im Ersten Weltkrieg wurde der Name entheiligt und russifiziert, jetzt hieß die Stadt Petrograd. Nach Lenins Tod wurde sie 1924 in Leningrad umbenannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging 1991 eine Volksabstimmung zugunsten einer leicht russifizierten Rückbenennung in Sankt Peterburg aus.

General und Stutenmilch

Stalingrad, berühmt für den Abwehrkampf gegen die Truppen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, hat eine vergleichbare Namensgeschichte: Das ursprüngliche Zarizyn, Zarenstadt, war für die Kommunisten unannehmbar, sie benannten die Stadt um in Wolgograd, Wolgastadt. Am 10. April 1925 wurde sie zu Ehren Josef Stalins in Stalingrad umbenannt. Die Rückbenennung erfolgte hier freilich bereits früher. Die Entstalinisierung erzwang die neuerliche Namensänderung. Da aber die Zaren nach wie vor inakzeptabel waren, griff man auf den zweiten Namen zurück. So heißt die Stadt seit 1961 wieder Wolgograd.

Überhaupt spielt der Patriotismus bei Umbenennungen bisweilen eine große Rolle: Kirgisistan war bis 1991 ein Staat der Sowjetunion. 1926 wurde die kirgisische Hauptstadt Bischkek in Frunse umbenannt nach dem in ihr geborenen sowjetischen Heerführer Michail Wassiljewitsch Frunse. Seit 1991 drängt man den russischen Einfluss aus Sowjetzeiten gezielt zurück und zeigt kirgisistanische Nationalflagge. Dazu gehört auch die Rückbenennung Frunses - und die Stadt heißt jetzt wieder, wie zuvor, nach einem Gefäß, in dem Stutenmilch vergoren wird.

In Deutschland und Österreich haben Umbenennungen vor allem mit den Verstrickungen der Namenspatrone in antisemitische und nationalsozialistische Umtriebe zu tun. Wobei es verständlich ist, wenn man diverse Adolf-Hitler-Straßen und Joseph-Goebbels-Plätze aus den Verzeichnissen tilgte und die Hermann-Göring-Werke als Ursprungsbetrieb der Voestalpine unkenntlich machte.

Andere Fälle sind umstrittener: Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger war zwar ein Antisemit, aber sein vorteilhaft prägender Einfluss auf die Geschichte der Stadt, unter anderem mit den Bau großzügiger Sozialeinrichtungen, der Zweiten Hochquellwasserleitung, der Straßenbahnen und vielem anderem mehr ist unbestreitbar. Die Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring führte denn auch zu heftigen Diskussionen, in deren Zug der sozialistischen Stadtregierung vorgeworfen wurde, aus gegenwärtigen ideologischen Gründen das Andenken an den seinerzeitigen christlich-sozialen Stadtpolitiker zu beschädigen.

Tatsächlich stößt man hier auf nahezu unbeantwortbare Fragen der Bewertung: Wiegt die - positive - Leistung mehr in der Waagschale des ehrenden Angedenkens als der - verwerfliche - Antisemitismus?