Die Lure galt als Symbol germanischer Musik. - © Tuch + Technik Textilmuseum Neumünster
Die Lure galt als Symbol germanischer Musik. - © Tuch + Technik Textilmuseum Neumünster

Beinahe wäre es das Satyrspiel geworden zum millionenfachen Tod, beinahe zur Posse des Rassenwahns. Doch wie bei allem, was der Nationalsozialismus initiierte, steht auch am Ende der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe Qual, Tod und Mord.

Die Komödie im Vordergrund blendet indessen bis heute: Über keine NS-Einrichtung ist weniger publiziert, keine weniger durchleuchtet. Der Nürnberger Militärgerichtshof stufte Ahnenerbe nicht einmal als "verbrecherisch" ein. Lediglich Geschäftsführer Wolfram Sievers wurde im Zusammenhang mit tödlichen Menschenversuchen als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Eine nicht-verbrecherische Organisation also, deren Initiator und Präsident, Reichsführer SS Heinrich Himmler, ein Verbrecher ist, deren Leiter, Wolfram Sievers, ein Verbrecher ist, in deren Namen tödliche Menschenversuche durchgeführt wurden? Die Ausstellung "Graben für Germanien" im Bremer Focke-Museum beleuchtet einen Teilaspekt der NS-Forschung und korrigiert das Bild harmlosen Unfugs.

Sonst aber, durch so viele Jahre, hat die Lächerlichkeit von Ahnenerbe die Aufarbeiter benebelt. Ahnenerbe, das bedeutet eine literarische Fälschung als Buch der Erkenntnis, die Suche nach dem Ursprung der Arier: Wissenschafter, die forschen, Archäologen, die graben, um vorgefasste Theorien zu bestätigen, statt aufgrund von Erkenntnissen oder Funden Theorien zu entwickeln. Ahnenerbe ist die Pervertierung all dessen, was man unter Wissenschaft versteht.

Hexen und Vatarunsar

Der Mann hinter der Abstrusität ist Heinrich Himmler, Reichsführer SS, Chef der Deutschen Polizei, ab 1943 Reichsinnenminister, NS-Mystiker, NS-Okkultist. Er befasst sich mit Wiedergeburt, hält sich für den Nachfahren der 1629 verbrannten Hexe Margareth Himbler, gibt eine "Studie über die geisteswissenschaftlichen Grundlagen des H-Komplexes" in Auftrag ("H" steht für "Hexe"), baut die Wewelsburg zur SS-Kultstätte um: Es gibt keine Dokumente, die belegen, dass die dort jährlich stattfindenden Feierlichkeiten mit den SS-Führern okkulte Hintergründe haben - doch die Burg ist jetzt mit okkulten Symbolen ausgestattet, etwa dem schwarzen Sonnenrad, das später als "Schwarze Sonne" zu den NS-Symbolen gezählt wird. Der österreichische Okkultist Karl Maria Wiligut hat die Ausgestaltung inspiriert.

Vielleicht wird dort auch das von Himmler gedichtete neue Vaterunser gebetet: "Vatar unsar, der Du bist der Aithar. Gibor ist Hagal des Aithars und der Irda!" Himmlers Hass auf das Christentum kennt keine Grenzen: "Mit diesem Christentum, dieser größten Pest, die uns in der Geschichte anfallen konnte, die uns für jede Auseinandersetzung schwach gemacht hat, müssen wir fertig werden", sagt er in einer "Geheimrede". Ihm schwebt ein neues Heidentum auf germanischer Basis vor, das den jüdischen Jahwe samt seinem Sohn Jesus hinwegfegen soll. Dafür übernimmt er die wirren Ideen der österreichischen Ariosophen Jörg Lanz von Liebenfels und Guido von List.

Dieser Heinrich Himmler also initiiert die Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe. Vielleicht auch, weil er und der NS-Ideologe Alfred Rosenberg, der für sich die Deutungshoheit der germanischen Vergangenheit beansprucht, einander nicht riechen können.

Der Germanen-Irrtum

Schon im Fall der Ura-Linda-Chronik geraten sie aneinander - und damit beginnt Ahnenerbe im Grunde. Himmler nämlich stuft das Buch, das eine glorreiche friesische Vergangenheit beschwört und bald nur noch "Himmler-Bibel" heißt, als echt ein, Rosenberg hält es für eine Fälschung. Rosenberg behält recht, doch in Himmler entbrennt das Forschungsfeuer: Jetzt will er die wahre germanische Vergangenheit erkunden.

Dass es Germanen niemals als Volk und schon gar nicht als Rasse gab, stört den Reichsführer im Wissenschaftswahn nicht. Was hätte er auch aus der Erkenntnis schöpfen sollen, dass die Römer schlicht alle Stämme nördlich der Alpen als Germanen bezeichneten und sich nicht darum scherten, ob es nun Kimbern, Gallier, Kondruser oder Eburonen oder sonst ein Stamm waren?

Und die Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe ging ans Werk: Die Überlegenheit der "arischen Rasse" stand fest, ebenso, dass die nordische Kultur von Thule, das nichts anderes ist als das auf dem Urkontinent "Arktogäa" liegende Atlantis, in ferner Vorzeit der ganzen Welt die Zivilisation brachte. Soweit die These. Die Forschung brauchte jetzt nur noch die Beweise erbringen.

So wurde etwa eine Expedition unter Leitung Ernst Schäfers nach Tibet geschickt, denn dort wurden Reste ur-arischer Populationen vermutet. Also vermaß man die Gesichtsproportionen der ur-arischen Tibeter. Andere Expeditionen führten nach Libyen und Ägypten, um die abstrusen Theorien auf abstruse Weise zu bestätigen, während die Antarktis-Expedition einen praktischen Zweck verfolgte: Sie erforschte die Möglichkeiten deutscher Marine- und Walfang-Stützpunkte.

Doch Ahnenerbe schweifte nicht nur in die Ferne, wo doch das Gute in Form germanischen ("germanischen"!) Brauchtums so nahe lag: "Runen- und Sinnbildkunde", "Hausmarken und Sippenzeichen", "Sagen-, Märchen-, Brauchtum und Volkskunde" lag der Forschungsgemeinschaft ebenso am völkischen Herzen wie die Musik, deren urgermanisches Instrument, die Lure, als wohlklingender Gegensatz zur "jüdischen Atonalität" gepriesen wurde - wahrscheinlich von jenen, die nie dem Missvergnügen der blechern blökenden Germanentrompete ausgesetzt waren.