Das verblasste Foto erinnert an ein ausgelöschtes Volk und an eine verlorene Sprache: Es zeigt die letzten vier Menschen der tasmanischen Urbevölkerung. - © wikipedia
Das verblasste Foto erinnert an ein ausgelöschtes Volk und an eine verlorene Sprache: Es zeigt die letzten vier Menschen der tasmanischen Urbevölkerung. - © wikipedia

Mit dem Tod eines einzigen Menschen stirbt eine Sprache. Die Vorstellung ist beängstigend, doch realistisch. Stirbt die Sprache, gerinnt eine Kultur zu musealem Wissen. Im günstigsten Fall findet die Sprache dann noch auf den Seiten von Grammatiken und Wörterbüchern Platz, im ungünstigsten nicht einmal das.

Verloren die Sprache der Etrusker, verloren das Elymische Siziliens, verloren das Laurentische der Irokesen. Der Verlust des Tasmanischen erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der englischen Kolonialgeschichte: Im 19. Jahrhundert rotteten die englischen Siedler die Urbevölkerung in rund 45 Jahren aus - sowohl physisch als auch kulturell. 1802 lebten 5000 Tasmanier. 1847 mussten sich die letzten 47 den englischen Usurpatoren unterwerfen, deren Sitten und Gebräuche annehmen und ihre eigene Sprache ablegen, um mit dem Leben davonzukommen. Selbst in ihrem Tod erzählen Sprachen noch Menschheitsgeschichte. Auch daran erinnert der heutige Tag der Sprachen.

Und daran, dass Sprache heute in einer von Migration geprägten Welt, mehr noch als Hautfarbe oder religiöse Vorstellungen, als Synonym für Zugehörigkeit, für Bekenntnis zu einer Nation gilt. Andererseits ist das Erlernen der Sprache des Gastlandes aber auch ein Teil Aufgabe der eigenen Identität: Man öffnet sich auch jenen, die nicht zum eigenen Umfeld gehören. Die Öffnung bedeutet Beeinflussbarkeit bis hin zur Abtrennung von der eigenen Kultur. Deshalb wird das Erlernen der Sprache vor allem von Rechtspopulisten so vehement gefordert, die im Grunde ja gar nicht auf die Sprache abzielen, sondern auf die Aufgabe der fremden Identität. Und diese Frage der über die Sprache definierten Identität ist es auch, die Rechtspopulisten so vehement gegen zweisprachige Ortstafeln auftreten und wutentbrannt schäumen lässt, entdecken sie etwa ein Werbeplakat auf Türkisch. Werbebotschaften in englischer Sprache hingegen sind längst Usus, sie fallen kaum noch auf, obwohl sicher mehr Menschen mit türkischer und slowenischer als mit englischer Muttersprache in unserem Land leben.

Alle sprechen Englisch

Doch ist Englisch die Lingua franca unserer Tage. Von ihr nimmt man an, dass man sich in ihr zumindest verständigen kann. Seine leichte Erlernbarkeit hat das Englische in dieser Rolle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festgeschrieben - vielleicht war es auch die politische Dominanz englischsprachiger Nationen, zumal die Sprache der anderen Großmacht, Russlands (bzw. der Sowjetunion), schwer erlernbar ist. Die Bedeutung der früheren Hof- und Diplomatensprache Französisch hingegen hat unter dem schwindenden Einfluss Frankreichs in der Weltpolitik gelitten.

Nahezu völlig verschwunden sind die Versuche, Kunstsprachen nicht zuletzt als neutrale Diplomatensprachen durchzusetzen. Selbst Esperanto hat als Umgangssprache keine Bedeutung. Die Anhänger bleiben, geht es
um die Sprache, unter sich. Die angestrebte Internationalität schrumpft zu einem kleinen Kreis von Kennern. Die freilich kommen tatsächlich aus aller Herren Länder.

Ist eine Sprache, die nur von wenigen Menschen gesprochen wird, automatisch eine gefährdete Sprache? - Die Unesco definiert vier Bedrohungsstufen.

Bedrohungsszenarien

"Vulnerable" ("potenziell gefährdet") ist eine Sprache mit einer relativ hohen Sprecherzahl, die aber nicht offizielle Verwaltungssprache und/oder im Bildungswesen nicht präsent ist.

"Definitely endangered" ("deutlich gefährdet") ist eine Sprache, wenn sie von Kindern zu Hause nicht mehr als Muttersprache erlernt wird.

"Severely endangered" ("ernsthaft gefährdet") ist eine Sprache, wenn sie nur noch von der Großelterngeneration gesprochen, von der Elterngeneration zwar verstanden, aber im Umgang nicht verwendet wird.

"Critically endangered" (extrem stark gefährdet) ist eine Sprache, wenn sie nur von der ältesten Generation und auch von ihr nur fallweise benützt wird oder wenn die Sprecherzahl so niedrig ist, dass ein Überleben der Sprache als unwahrscheinlich gelten muss.

"Extinct" (ausgestorben) ist eine Sprache, wenn es keine Sprecher mehr gibt.

Das Lateinische beispielsweise ist nach dieser Definition nicht ausgestorben: Da es im Vatikan Umgangssprache ist, scheint es nicht einmal in die Kategorie "Vulnerable" zu passen - aber das ist wohl ein Sonderfall.

Die Gründe für das Aussterben einer Sprache seien vor allem jenen ins Stammbuch geschrieben, die über die Sprache (Einwanderungs-)Politik machen: Das "Cambridge Handbook of Endangered Languages" gibt nämlich als einen der Gründe für den Tod einer Sprache "Offene Unterdrückung, meist im Rahmen von Nationalismus" an. Andere Gründe sind Naturkatastrophen, Hunger und Sechen, die Sprachträger dezimieren, Völkermord und die Übermacht einer anderen Sprache. So hat auch Österreich eine der Definition zufolge "deutlich gefährdete" Sprache, nämlich Burgenlandkroatisch.

Mehr oder weniger beabsichtigte Auslöschung oder Assimilierung steht hinter dem Sprachentod, der stets auch vom Ende eines Volks kündet. Dies sollte ein wesentlicher, wenngleich nicht der einzige Grund sein, dem Tod von Sprachen entgegenzuwirken.