Wien. Der Republik steht erneut ein aufsehenerregender Restitutionsstreit ins Haus. Nach dem Verlust der "Goldenen Adele" im Jahr 2006 könnte auch der "Beethovenfries" aus der Wiener Secession entschwinden: Erben des einstigen Besitzers reklamieren das Jugendstil-Werk für sich. Wie es aus Expertenkreisen heißt, ist der Ausgang des Konflikts unwägbar.

Sicher ist derzeit nur, dass der Fall kompliziert liegt. 1902 hatte Gustav Klimt seinen "Beethovenfries" für eine Ausstellung der Secession, die den Komponisten würdigte, angefertigt. Klimts Arbeit, eine 34 Meter lange Hommage auf die Neunte Symphonie, sollte nach der Ausstellung eigentlich abgetragen werden. Sie blieb dann aber auch der Klimt-Retrospektive im Folgejahr erhalten und ging in den Besitz des Mäzens Carl Reininghaus über. Dieser verkaufte wiederum an den jüdischen Industriellen August Lederer, damals Besitzer der umfangreichsten privaten Sammlung von Klimt-Werken. Lederer, 1936 verstorben, musste "Anschluss" und Enteignung durch die Nazis nicht mehr erleben; seine Witwe Serena verstarb 1943 in Ungarn. Nach dem Kriegsende setzte sich ihr Sohn Erich von Genf aus mit der Republik Österreich in Verbindung.

"Widmungen abgepresst"

Was dann passierte, ist strittig und in zwei Fassungen überliefert. Die Homepage der Secession dürfte den Standpunkt der Republik wiedergeben. Der Fries, so heißt es da, ging offiziell in den Besitz des Erben über. "Gleichzeitig wurde ein Ausfuhrverbot (. . .) verhängt, so dass sich Erich Lederer schließlich - nicht zuletzt aufgrund des zunehmend dringlicheren Restaurierungsbedarfs des Frieses - zum Verkauf an die Republik Österreich entschloss."

Eine gütliche Lösung also? Nicht jeder glaubt daran. Sophie Lillies "Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen" sieht Erich Lederer als Opfer: Ihm "wurden nach dem Krieg als Gegenleistung für Ausfuhrgenehmigungen der um die meisten ihrer wertvollsten Stücke beraubten Sammlung mehrere - überaus bedeutende - Widmungen abgepresst." Auch Lederers Vorschlag, lediglich den Fries auszuführen und im Gegenzug auf alle weiteren Objekte zu verzichten, sei vom Bundesdenkmalamt abgeschmettert worden.

Die Republik kaufte das Werk jedenfalls 1973. Nach einem Bericht der "New York Times" betrug der Preis umgerechnet 750.000 Dollar - die Hälfte des Werts, den das Auktionshaus Christie’s damals angenommen hatte.

Lederers Erben haben diesen Deal bereits 1999 in Österreich angefochten. Der Kunstrückgabebeirat entschied aber gegen sie und führte zwei Argumente an. Einerseits könne es nicht als erwiesen gelten, dass der Verkauf seinerzeit erzwungen war: Die Familie Lederer habe Österreich 1985 immerhin noch 14 Studien zum Beethovenfries geschenkt. Andererseits wäre eine Restitution unmöglich, weil 1973 ein "durchaus angemessener Preis" gezahlt worden sei.

Neue Gesetzeslage

Dieses Argument ist heute hinfällig. Durch eine Novelle des Restitutionsgesetzes im Jahr 2009 können nun auch Werke zurückgefordert werden, für die der Staat bezahlt hat. Die Höhe des Preises spielt dabei keine Rolle. Sollte der Kläger Recht bekommen, müsste der einstmals ausbezahlte Betrag aber rückerstattet werden.

Am Dienstag haben nun Erben der Familie Lederer aus der Schweiz einen neuen Restitutionsantrag eingebracht - und stützen sich auf die erwähnte Novelle: Anwalt Marc Weber sagt, dass nun laut zwei unabhängigen Gutachten alle Voraussetzungen vorlägen, um den Fries zu restituieren. Österreich könne "ein immer noch bestehendes Unrecht endgültig beseitigen". Heute, Donnerstag, will er den Forderungen bei einer Pressekonferenz Nachdruck verleihen.

Dass Weber freilich nicht alle Erben vertritt, stellte am Mittwoch der Wiener Anwalt Alfred Noll klar: Er sei es vielmehr, der die Mehrheit der Erben betreue. Auch diese betreiben laut Noll eine Restitution, jedoch deutlich leiser. Die Causa erfordere eine "sachliche Prüfung aller Fakten".