Doch Drese hält Abbado den Rücken frei und erfüllt ihm seine Wünsche. Als Dreses Nachfolger Ioan Holender nach dem Tod des mit ihm gemeinsam mit der Staatsopern-Direktion beauftragten Eberhard Waechter dann klipp und klar die Hierarchien festlegt und die Produktion von Mussorgskis "Boris Godunow" abermals fast demonstrativ keine Resonanz bei der heimischen Kritik hervorrief, löste sich Abbado 1994 endgültig von der Staatsoper, zumal er ja bereits in Berlin Chef der Philharmoniker war.

Nach seinem dortigen Rückzug ging er nach Italien zurück, arbeitete in Ferrara und Bologna, wo er wo er das Mozart Orchestra mit jungen Musikern aufbaute. Die Arbeit mit jungen Musikern hatte Abbado zeit seines Lebens interessiert: 1978 hatte er das European Community Youth Orchestra gegründet, 1981 das Chamber Orchestra of Europe für Musiker, die aus dem European Community Youth Orchestra hervorwuchsen und die dortige Altersgrenze überschritten. 1986 gründete Abbado das Gustav Mahler Jugendorchester, aus dessen älteren Musikern er 1997 das Mahler Chamber Orchestra rekrutierte, das seinerseits die Basis des 2003 ins Dasein gerufenen Lucerne Festival Orchestra bildet.

Die letzte Zeit

Es ist charakteristisch für Abbado, dass man über sein Privatleben kaum etwas erfährt, und seine Biografie ist nahezu skandalfrei. Gerade einmal eine Affäre mit der russischen Stargeigerin Viktoria Mullova wurde ihm nachgesagt, es kursierten Gerüchte über ein gemeinsames Kind.

Im Jahr 2000 erkrankt Abbado an Magenkrebs. Die Prognose ist ungünstig, doch Abbado kann den Krebs besiegen. Als er ans Pult zurückkommt, haben seine Interpretationen eine neue Dimension hinzugewonnen: Durchhörbarkeit, Vernunft und Natürlichkeit hatten sie bisher schon ausgezeichnet, nun kam eine menschliche Tiefenschau dazu, die vielleicht wirklich nur die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ermöglicht. Speziell Abbados Mahler-Aufführungen müssen als Meilensteine der Interpretationsgeschichte gerechnet werden.

Und immer noch fühlt sich Abbado nicht als Star, sondern als Primus inter pares. Als ihn ein junger Musiker bei einer Probe etwas unsicher fragt, wie er ihn ansprechen soll - "Maestro" wäre wohl die richtige Anrede -, antwortet ihm Abbado: "Nenn’ mich Claudio."