Fast scheint es, als hielte die Welt des Theaters und als hielte die Welt des Films seit Samstag den Atem an: Dies ist der Tag, an dem Maximilian Schell starb.

Schell war ein Großer der deutschsprachigen Bühne. Groß nicht nur wegen seines Umgangs mit der deutschen Sprache, die nur wenige so nuancieren können, wie er das vermochte. Groß nicht nur wegen seines strukturellen Denkens, mit dem er einen Monolog anlegte, als würde er ein Musikstück interpretieren, mit konsequentem Aufbau zum Höhepunkt hin, manchen Satz wie einen Seitengedanken phrasierend, der die Hauptstimme beleuchtet. Groß nicht nur wegen seines Blicks, mit dem er in Bann zog, als würde er in die Seele des Zusehers schauen, groß nicht nur wegen seiner ungeheuren Ausstrahlung.

Bildungsauftrag Schauspiel

Was Schell groß machte, ihn heraushob, war, dass er als Basis seines Wesens als Schauspieler den Zuschauer ein Kompendium abendländischer Kultur und Bildung instinktiv auch dann noch spüren ließ, wenn er im Fernsehen mit wohlmoduliertem Bariton Dokumentationen etwa über die Bibel oder Aufstieg und Fall großer Imperien präsentierte.

"Ich habe eigentlich gar keinen Beruf. Ich wandere durch das Leben und durch alle Bereiche der Kunst", hatte Schell einmal gesagt. Tatsächlich hatte der am 8. Dezember 1930 in Wien geborene Sohn des Schweizer Schriftstellers Hermann Ferdinand Schell und der österreichischen Schauspielerin Margarethe Noé von Nordberg, der eine österreichisch-schweizerische Doppelstaatsbürgerschaft hatte, seine Ausbildung keineswegs auf das Schauspiel fokussiert: An der Züricher Universität (seine Eltern waren nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland in die Schweiz übersiedelt) studierte er Philosophie, Kunstgeschichte, in Basel und München Musik- und Theaterwissenschaft. Neben seinem Schauspielstudium studierte er am Konservatorium Bern Klavier.

1952 debütierte er am Schauspielhaus Basel, 1959 wechselte er an die Münchner Kammerspiele. Von dort engagierte ihn Gustav Gründgens weg nach Hamburg, wo Schell in der Titelrolle von William Shakespeares "Hamlet" in Gründgens’ Inszenierung Furore machte. Schells makelloses Englisch ermöglichte es ihm, Ende der Sechzigerjahre nach London zu wechseln - dort lernte er einen neuen Stern unter den britischen Theaterautoren kennen: John Osborne. Sein Stück "Ein Patriot für mich" übersetzte er ins Deutsche.

Schnell erkannte Schell die Möglichkeiten, die ihm der Film bot: 1955 stand er in "Kinder, Mütter und ein General" erstmals vor der Kamera. Nur zwei Jahre später war er nach Hollywood engagiert und spielte neben Marlon Brando in Edward Dmytryks Antikriegsfilm "Die jungen Löwen". Ausgerechnet die gefürchtete Rolle eines Verteidigers von Nazi-Verbrechern in Stanley Kramers Film "Das Urteil von Nürnberg" machte Schell dann endgültig zum internationalen Star: Er erhielt dafür 1962 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Es folgten Filme wie "Topkapi" und "Die Akte Odessa". Selbst einem Weltuntergangs-Blockbuster wie "Deep Impact" drückte Schell den Stempel künstlerischer Verantwortung auf.

Intensives Leben

Doch vor der Kamera zu agieren, genügte Schell nicht: 1970 führte er Regie in "Erste Liebe", in "Der Fußgänger", in "Geschichten aus dem Wiener Wald" und in "Der Richter und sein Henker". In dieser Verfilmung eines psychologischen Kriminalromans von Friedrich Dürrenmatt erreicht Schell seinen größten Erfolg als Filmregisseur im Zusammenspiel von künstlerischem Wollen und Publikumsresonanz.

An Intensität übertrifft Schell diesen Film mit seiner Dokumentation "Meine Schwester Maria" über seine demenzkranke Schwester, die Schauspielerin Maria Schell, als deren "kleiner Bruder" er einmal unter Schauspielerkollegen gegolten hatte.

Sollen auch Affären in einem Nachruf Platz finden? - In diesem Fall gewiss. Denn ohne sie wäre Maximilian Schell nicht Maximilian Schell gewesen. Sie gehörten zu seiner Aura. Etwa die drei Jahre dauernde Liaison mit Soraya, der Gattin des letzten Schahs von Persien, und dass er 2013 die 47 Jahre jüngere deutsche Opernsängerin Iva Mihanovic heiratete, wohl auch.

Was Schell indessen wirklich einzigartig unter seinen Kollegen machte, war, dass er an der University of California in Los Angeles unterrichtete - aber nicht etwa Schauspiel. Er vermittelte das Werk des abstrakten Malers Josef Albers, dem, neben Arbeiten von Paul Klee und Mark Rothko, seine besondere Liebe gehörte. Schell war Kosmopolit durch und durch - nicht allein geografisch: Er war ein Kunstweltbürger.