Wien. Selten wurde ein Bericht von Wirtschaftsprüfern so dringend erwartet wie dieser. Am Freitag, den 28. Februar, legen die Wirtschaftsprüfer von KPMG ihren Endbericht vor. Von diesem Papierstoß hängt viel ab. Die Ergebnisse sollen Licht in das nebulöse Finanzdebakel rund um das Burgtheater bringen.

Bis jetzt gibt es wenig verbürgte Informationen, dafür umso wildere Spekulationen, die durch gezielte Weitergabe von Teilergebnissen der KPMG-Studie befeuert werden. Der jüngste Vorwurf, der im Nachrichtenmagazin "profil" und im "Standard" gegen die ehemalige kaufmännische Direktorin und Vize-Direktorin des Burgtheaters erhoben wurde: Sie habe mit nicht nachvollziehbaren Bareinzahlungen die Liquidität gesteuert. Zum Stichtag 30./31. August habe es jeweils "hohe Einzahlungen in die Kassa" mit offenbar gefälschten Belegen gegeben, um Engpässe zu verschleiern.

Auf einer ominösen Liste scheint beispielsweise Christoph Schlingensief auf. Der Künstler habe demnach eine Bareinzahlung von 6.000 Euro getätigt, allerdings war er zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren verstorben. Neben Regisseuren, Bühnenbildnern und Musikern findet sich auf der Liste auch Thomas Drozda, bis 2008 kaufmännischer Leiter des Burgtheaters und nunmehr Geschäftsführender Direktor der Vereinigten Bühnen Wien (VBW). Gegenüber der "Wiener Zeitung" erklärte Drozda, dass er zu keinem Zeitpunkt Bareinzahlungen getätigt habe.

Wie war das überhaupt möglich? Thomas Drozda will die Vorgänge nicht kommentieren, da er nicht beurteilen könne, wie sich die Abteilung seit seinem Abgang 2008 verändert habe, er habe jedenfalls höchst verlässliche Mitarbeiterinnen in den Bereichen Rechnungswesen und Personalverrechnung im Team gehabt.

Laut Informationen der "Wiener Zeitung" hat Stantejsky offenbar die Abläufe in der Buchhaltung dahingehend organisiert, dass nahezu jeder Beleg zuerst über ihren Schreibtisch ging. Dieses für einen Betrieb dieser Größe unübliche zentralisierte Vorgehen hat wohl intransparente Vorgänge ermöglicht. Ob dem Burgtheater dadurch ein Schaden entstand, ist noch offen. Man geht von ungeklärten Geschäftsfällen in der Höhe von 1,1 Millionen aus. Insgesamt droht dem Burgtheater für das Geschäftsjahr 2012/13 ein Bilanzverlust von 8,3 Millionen, zudem könnten Steuerschulden von fünf Millionen kommen.

Trotzdem bleibt die Frage, ob Stantejsky, für die selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt, allein für ein Finanzdebakel dieses Ausmaßes verantwortlich zu machen ist.

"Den Hut nehmen"

Bislang haben Burg-Direktor Matthias Hartmann und Holding-Chef Georg Springer mehr oder weniger deutlich ihre Unschuld und Ahnungslosigkeit beteuert.

Dieser Darstellung will das Burg-Ensemble nicht mehr glauben. Nach dem Misstrauensvotum des Ensembles am vergangenen Freitag gab es in der Politik erste Stimmen, die einen Rücktritt von Direktor Hartmann für angemessen hielten. "Es gibt genug Gründe, den Hut zu nehmen", sagt etwa Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen. Der Aufsichtsrat des Burgtheaters und Holding-Chef Springer haben sich mehrfach hinter den Intendanten gestellt. Auch Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) gibt Hartmann, dessen Vertrag bis 2019 läuft, weiterhin Rückendeckung. Wichtig sei, so Ostermayer, "in schweren Zeiten kühlen Kopf zu bewahren". Er werde erst den Endbericht der Wirtschaftsprüfer abwarten, bevor er Entscheidungen treffe. Erste Schritte des Ministers in der Causa: Er hat sowohl Max Kothbauer, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bundestheater-Holding, als auch Holding-Chef Georg Springer damit beauftragt, Vorschläge zu erarbeiten, wie das Burgtheater-Minus zu beheben sei. Eine nennenswerte Erhöhung des Budgets sei jedenfalls nicht zu erwarten.

Gerüchteweise kursiert die Auflösung von Holding-Reserven - die Holding besitzt Immobilien, etwa den Hanuschhof in der Wiener Innenstadt. "Dieses Gerücht kommentiere ich nicht", sagt Holding-Chef Georg Springer gegenüber der "Wiener Zeitung". "Wie mit dem Defizit umzugehen ist, wird Gegenstand der nächsten Aufsichtsratsitzung am 28. Februar werden."

Auch ein mögliches Aus für das Kasino wurde in Medienberichten kolportiert. Allerdings würde die Schließung der Nebenspielstätte am Schwarzenbergplatz wohl kaum den Millionenverlust auffangen können. In der laufenden Saison ist im Kasino nur eine Premiere angesetzt: Katie Mitchells allseits gefeierte Inszenierung von Peter Handkes "Wunschloses Unglück". Im März wird von 31 Spieltagen an zwölf gespielt - inklusive Gastspiele aus Ungarn.

Im Burgtheater scheint unterdessen die Angst vor Kündigungen umzugehen. Jahresverträge einzelner Schauspieler wurden bereits nicht mehr verlängert. In einem offenen Brief an den Kulturminister spricht das Ensemble von einer "Angstpolitik": Hartmann drohe Mitarbeitern mit Entlassung. Vertreter des Ensembles werden Anfang März zu einem klärenden Gespräch mit dem Minister geladen, so Ostermayers Pressesprecher zur "Wiener Zeitung".