Ein Bild, das nicht im Buch zu finden ist, sondern nur beschrieben wird und für Lethen einige Frage aufwirft: "Welches Denken und Empfinden steckt in einem Menschen, der in einer solchen Situation auf den Auslöser druckt?"

Es ist, wie Lethen betont, fast nicht möglich, eine zutreffende Antwort zu finden. Machte der Fotograf die Aufnahme aus dokumentarischen Gründen, diente die Kamera als symbolische Barriere vor dem Grauen oder verhinderte das Knipsen des Fotografen, sich selbst an solchen Verbrechen zu beteiligen?

Auf eine falsche
Fährte geführt

Fragen, die im Schatten des Fotografen verborgen bleiben.

An sich hätte er für das Buch einen anderen Titel vorgesehen, bemerkt Helmut Lethen. Aber sein Vorschlag "Nichts dahinter", der allgemeiner auf Bilder und ihre möglichen Wirklichkeiten Bezug genommen hätte, schien dem Verlag nicht einprägsam genug, um im Buchhandel zu reüssieren. Beim neuen Titel und dem Bild vermutet Lethen, dass sich das Gros der Besprechungen auf die Kapitel der Nazi- und Kriegszeit beziehen werden. Und die weiteren Kapitel eher stiefmütterlich behandelt werden könnten.

Eine Befürchtung, die durchaus gerechtfertigt ist. Denn der Titel weckt andere Assoziationen und führt den Leser am Anfang auf eine falsche Fährte. Denn Helmut Lethen hat eine Sammlung von Erzählungen veröffentlicht, die die unterschiedlichsten Themen, meist sehr kurzweilig, kenntnisreich und informativ, der Kulturwissenschaft behandeln.

Momentaufnahmen des Verlassenwerdens

Da geht es um eine Soziologie der Scham, wenn er Bilder zu einer Performance von Marina Abramovic beschreibt. Des Weiteren setzt sich mit der Zeichentheorie von Umberto Eco auseinander, erörtert, worauf die weit verbreitete Medienskepsis beruhen könnte, und vertritt bei seinem Leitmotiv der Bildanthropologie die Meinung, dass Bilder aus Krisenregionen, die heutzutage die Welt bewegen, kaum mehr von professionellen Fotografen oder Fotoagenturen kommen, sondern von Mobiltelefonen, die sich über Social-Media-Kanäle innerhalb von Minuten weltweit verbreiten lassen. Bilder von ungemein schlechter Qualität, die aber gerade deswegen von einer staunenden Öffentlichkeit als authentisch erachtet werden.

Für Helmut Lethen sind Bilder Nomaden, wie er es abschließend formuliert, und symbolisieren für ihn den unmittelbaren Moment des Verlassenwerdens. Eine Situation, die für immer vorbei ist. Und es liegt im Auge und dem Wissen des Betrachters, diesen flüchtigen Augenblick, das Bild, später lesen, entziffern und interpretieren zu können.