Einbruch im Ersten Weltkrieg

Naturgemäß folgen die Nationalsozialisten Wagner in der Ablehnung Meyerbeers, der für sie, mehr noch als andere jüdische Komponisten, zum Ziel eines Hasses wird, der völlig irrational ist, denn zu diesem Zeitpunkt lebt Meyerbeers Werk nur noch in der Erinnerung. Diesen Knick in der Aufführungstradition hat der Erste Weltkrieg bewirkt.

Auf dessen Schlachtfeldern starben nicht nur Menschen, sondern auch Ästhetiken. Alles Dekorative, alle Kunst um ihrer selbst willen, wird angesichts der Kriegsgräuel verdächtig. Der Eskapismus nimmt Züge einer grellen Übersteigerung an. Meyerbeers Opernpracht passt weder in die kriegsbezogene Kunst noch in die jazzfreudige Ästhetik der "Roaring twenties" - und mit der Neuen Sachlichkeit kommt man ihr schon gar nicht bei.

Doch der Niedergang von Meyerbeers Kunst hat auch nationalistische Gründe: Für die Franzosen ist er ein Deutscher, für die Deutschen ein Franzose. Andere Nationen fördern zunehmend ihre nationalen künstlerischen Strömungen. Meyerbeer ist mit einem Mal der Komponist, der nirgends hingehört.

Doch was ihm in der Zwischenkriegszeit schadete, könnte heute die große Chance sein: die Erkenntnis, dass Meyerbeer einer der ersten wahrhaft europäischen Komponisten war, der nationale Einflüsse zu einer internationalen, nur durch seine Persönlichkeit geprägten Musik verschmolz. In einer Zeit, in der das Opernrepertoire mit zweit- und drittklassigen italienischen Belcanto-Stücken angereichert wird, wären Meyerbeers Opern die idealen Ergänzungen. Wagner stellte, ehe ihn der Hass blind und taub machte, Meyerbeer über Rossini und Donizetti. Es wäre an der Zeit, selbst einen Komponisten wie Giuseppe Verdi an Meyerbeer zu messen und zu überlegen, ob es wirklich immer "Maskenball" und "Rigoletto" sein muss, wenn man "Hugenotten" und "Prophet" hat.