Wien. Einen Warnschuss hat er schon im Juni abgegeben. Franz Welser-Möst, Generalmusikdirektor der Staatsoper, kam damals in der "Wiener Zeitung" auf eine Produktion aus Übersee zu sprechen, die Oper und Animationsfilm mischt. Ähnliche Experimente würde er auch in Wien gutheißen, sagte er. Nachsatz: "Ich wünsche mir sowieso, dass man hier versucht, auch neue Wege zu gehen."

Dass er damit Staatsoperndirektor Dominique Meyer quasi direkt kritisierte, war nicht zu überhören. Wie sehr sich die Fronten zwischen den beiden verhärtet hatten, war aber zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Erst an diesem Freitag kam der Disput ans Licht - mit einem Knalleffekt. Der 54-jährige Welser-Möst gab bekannt, dass er mit sofortiger Wirkung als Generalmusikdirektor zurücktritt. Ein Abschied in Eintracht, wie dies Presseaussendungen glauben machen wollen, dürfte es nicht sein: Der Linzer Pultstar legt alle Staatsoperndirigate zurück - allein in der kommenden Saison 34 Abende inklusive zwei Premieren. Kurz gesagt: Der GMD schmeißt hin - und sein bisheriger Partner hat alle Hände damit zu tun, den Scherbenhaufen aufzuräumen.

Ein "Ultimatum"?

Für manche kommt der Schritt freilich nicht unerwartet. "Es konnte Meyer eigentlich nicht überrascht haben", sagt ein Szenekenner. Der Dirigent habe dem Direktor nämlich schon im Frühjahr ein "Ultimatum" gestellt. Welser-Möst, neben seinen Wiener Verpflichtungen vor allem als Orchesterchef in Cleveland tätig, habe sich düpiert gefühlt. Wiewohl im Range eines GMD, sei er in Besetzungsfragen nicht konsultiert worden; Meyer entscheide weitgehend solitär, so das Ondit.

Klar ist jedenfalls: Das Führungsduo, das im Jahr 2010 so amikal begonnen hatte, litt zunehmend unter künstlerischen Differenzen. Welser-Möst bestätigte der APA am Freitag, dass es den Konflikt schon längere Zeit gibt - und wie gravierend er sei: "Da geht es um Sänger und Dirigenten, da geht es um den ganzen Bereich, der die künstlerische Ausrichtung des Hauses ausmacht."

Wer dabei freilich welche Position vertritt, geschweige denn wer "Recht" hat, lässt sich nur in Teilen erahnen. Dass die Staatsoper, wie der eingangs erwähnte Beobachter meint, kaum noch führende Sänger verpflichte und Welser-Möst darum gut an seinem Abzug tue, ist jedenfalls ein Verdikt, das die meisten Kritiker in dieser Härte nicht unterschreiben würden.

Naheliegend ist dafür, dass Welser-Möst den kulinarischen Regie-Stil des konsensorientierten Meyer nicht immer goutiert hat. 2011 protestierte der Dirigent sogar einmal öffentlich: Mit einem Aufschrei auf ATV durchkreuzte er Meyers Plan, dem Regisseur Jean-Louis Martinoty noch eine Mozartoper zu überantworten, nachdem dessen vorige Premieren weitgehend verrissen worden waren.

Man weiß es: Trotz seines leisen Auftretens kann Welser-Möst ein Mann des Paukenschlags sein. Im Jahr 2012 sagte er den Salzburger Festspielen, erzürnt über vermeintlich inferiore Probenbedingungen, seine Beteiligung an dem Da-Ponte-Zyklus der kommenden Sommer ab. Intendant Alexander Pereira - Welser-Möst schon aus der gemeinsamen Opernzeit in Zürich vertraut - musste daraufhin kurzfristig einen Ersatzmann aus dem brennenden Hut zaubern. Heuer, im letzten Festivalsommer Pereiras, kehrte der Abtrünnige dann aber doch für einen umjubelten "Rosenkavalier" zurück.

Meyer: "Eskalation vermeiden"

Der Staatsopern-Konflikt hat sich Ende dieser Woche zugespitzt: Wie aus Welser-Mösts Umfeld zu hören, fand noch am Donnerstag ein Vermittlungsgespräch mit dem Chef der Bundestheater-Holding Günter Rhomberg statt. Es fruchtete jedoch ebenso wenig, wie dies die Telefonate von Kulturminister Josef Ostermayer am Freitag taten.

Die "Wiener Zeitung" erreichte Dominique Meyer am späten Freitagnachmittag. Hat ihm Welser-Möst ein Ultimatum gestellt? Der Elsässer will das ebenso wenig bestätigen wie über die Details des Konflikts reden: "Wir haben beide entschieden, dass wir keine Eskalation der Vorwürfe wollen. Ich möchte keine Sachen erzählen, die dazu führen, dass jemand beleidigt ist." Ob er Welser-Möst, dessen Vertrag bis 2018 gelaufen wäre, durch einen neuen GMD ersetzen will? "Das ist leider nicht der erste Gedanke. Ich muss kurzfristig 34 Vorstellungen neu besetzen, das ist eine Riesenarbeit." Hinzu komme, dass Welser-Möst seine rund 30 Dirigate für die Saison 2015/16 abgesagt hat. Erst nach Abschluss dieser Aufräumarbeiten könne sich Meyer über einen neuen GMD Gedanken machen. Was freilich auch kein Leichtes sei: "Den kriegt man nicht einfach so, wenn man auf eine Taste drückt."