Wien."Das Gefühl der Unsicherheit, das mich seit langem begleitet, erreicht seinen Gipfelpunkt", schrieb der damalige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann am 21. Jänner 2013 in einer E-Mail an den seinerzeitigen Holding-Chef Georg Springer. Am 11. März 2014 wurde Hartmann entlassen, am 23. Juni 2014 ging Springer in den vorzeitigen Ruhestand.

Dazwischen lag der wohl größte Finanzskandal, den das Burgtheater in seiner langen Geschichte erlebt hat.

Die Causa beschäftigt mittlerweile Anwälte und Gerichte. Verdacht der Untreue, grob fahrlässiger Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, Bilanzfälschung und Abgabenhinterziehung: Die Liste der Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen Hartmann sowie Ex-Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky ist lang. Auch gegen die Burgtheater GmbH und Georg Springer wird bereits ermittelt.

Nun gingen Hartmanns Rechtsvertreter Georg Schima und Katharina Körber-Risak in die Offensive. Im Rahmen einer Pressekonferenz verteilten sie stapelweise Schriftsätze und Dokumente, die ihre Argumente untermauern - auch das eingangs zitierte Mail stammt aus diesen Unterlagen. Hartmanns Anwälte vertreten die These, dass die konkrete Finanzlage vor ihrem Mandanten systematisch verschleiert worden sei.

Verlorene Zahlen

Ein Beispiel aus dem E-Mail-Konvolut: Der von Hartmann beauftragte Theaterfinanzexperte Peter Raddatz schrieb am 2. März 2012 ein Mail an die pwc-Wirtschaftsprüferin Helga Stangl und wollte Informationen bezüglich Abschreibungsposten in der Höhe von 8,3 Millionen sowie Sachanlagen im Wert von 36,4 Millionen einholen. Punkt vier seines Fragenkatalogs umfasste die "mangelnde Liquidität" des Burgtheaters. Auch diesbezüglich ersuchte Raddatz um Aufklärung. Hartmanns Replik: "Na also, und was hat dir die Dame geantwortet? Oder sind die alle so dermaßen in Aufregung geraten, dass sie dir jetzt ein riesiges Verschleierungsprogramm anbieten wollen?" Sofern der E-Mail-Verkehr von Hartmanns Anwälten lückenlos übermittelt wurde, antwortete Stangl 20 Tage später: "Frage 4 (eben die Frage nach der Liquidität, Anm.) "kann erst nach finaler Abstimmung mit dem Burgtheater freigegeben werden."

Im Jänner 2012 merkte etwa die damalige kaufmännische Direktorin Silvia Stantejsky bei der Übermittlung von Produktionsblättern an, noch mit Raddatz telefonieren zu wollen, um Details zu erklären. "Das heißt: Die Zahlen sprachen damals nicht für sich", so Körber-Risak. "Es gab zwei Suchende und ein paar Verbergende", so Schima.

Die gesamte Vorgangsweise beweise, so die Anwälte, dass der Gesellschafter - also die Holding - vorab in die Erstellung des Jahresabschlusses involviert war, was laut Gesetz eigentlich ein nachgelagerter Vorgang sein müsste.

Abermals lehnten die Juristen die bereits vielfach kritisierte Abschreibepraxis ab. Dass Aufführungen der Ära Bachler noch in der Bilanz von Hartmann auftauchten, belegten sie anhand eines Anlagespiegels, der laut Schima und Körber-Risak in drei verschiedenen Versionen existiere. Demnach schlug die "King Lear"-Inszenierung 2009/10 mit 1,3 Millionen Euro zu Buche und geisterte 2010/11 noch immer mit 1,257 Millionen in der Bilanz herum, obwohl die Aufführung seit zwei Jahren nicht mehr auf dem Spielplan stand.

Laut Berechnungen von Peter Raddatz habe Hartmann auf diese Weise an die acht Millionen Verlustvorträge aus der Ära Bachler übernommen, obwohl ihm bei Amtsantritt vertraglich ein schuldenfreies Haus zugesichert wurde.

Erneut wurde Kritik an der Bestellung der interimistischen Direktorin Karin Bergmann laut. "Ein Arbeitgeber kann nicht einen Arbeitnehmer entlassen wegen Vorwürfen, die er bei einem Nachfolger toleriert", sagt Körber-Risak und bezieht sich auf die bereits bekannten Geldgeschenke des früheren Burgtheaterdirektors Klaus Bachler an seine damalige Stellvertreterin sowie auf eine Aussage Bergmanns vor dem Aufsichtsrat, wonach sie keine Bilanzen lesen könne, sich aber einarbeiten werde. "Der Arbeitgeber misst hier mit zweierlei Maß", so die Anwälte.

Wiedersehen vor Gericht

Die ersten Einvernehmungen finden am 24. und 25. September statt. Den Fragen des Gerichts stellen sich: Kulturminister Josef Ostermayer, Rudolf Scholten, Sektionschef Michael Franz, Anwalt Thomas Angermair, der pensionierte Holding-Chef Georg Springer sowie der entlassene Burg-Direktor Matthias Hartmann.