Kontrafaktische Geschichtsschreibung in größerem Ausmaß versuchten mit voller Absicht die Nationalsozialisten in ihrer Verzweiflung, die "arische Rasse" ebenso wenig archäologisch nachweisen zu können wie eine frühe germanische Hochkultur. Also instrumentalisierten sie die Antike für sich, indem sie die Geschichte in ihre Ideologie einpassten. Sie erfanden historisch nicht belegbare Völkerwanderungen und eine "arische" Ur-Kultur, die sich, von einem Nord-Atlantis ausgehend, nach Süden ausbreitete, nur um von dort durch das NS-Regime gleichsam zurückimportiert zu werden.

Eine andere kontrafaktische Geschichtsschreibung ist uns heute kaum bewusst: Im Zuge der Aufklärung wurden mit dem Christentum argumentierte Kampfhandlungen nach und nach prinzipiell zu Verbrechen stilisiert - mit den Kreuzzügen an erster Stelle. Christliche Ritter im Blutrausch gegen friedliche, tolerante Muslime hat sich als Bild in unserem Denken festgesetzt.

Der US-amerikanische Religionswissenschafter Rodney Stark belegt indessen auf der Basis klarer Fakten das Gegenteil. Nicht nur, dass dem Abendland das beispiellose Blutbad bei der Einnahme von Konstantinopel im Nacken saß: Muslimische Krieger massakrierten im Heiligen Land, Mönche ebenso wie christliche Pilger. Die Idee der Kreuzzüge fußte darauf, Anhängern des Christentums die Pilgerreise nach Jerusalem zu ermöglichen, ohne für ihr Leben fürchten zu müssen. Dass es im Zuge dessen zu Gräueltaten auch von christlicher Seite kam, ist unbestritten.

Wenn freilich Pilatus Christus freigesprochen hätte, müsste auch dafür ein anderes Szenarium erfunden werden. Vielleicht eines von Mithrasgläubigen gegen Zoroastrier.