Ihm ist Rot als Kennfarbe für Weihnachten zu verdanken: Ursprünglich die Farbe heidnischer Kulte, wurde Rot durch den Nikolaus populär. Und den in Lykien geborenen Bischof gibt es vielfach im alpenländischen Raum - nicht nur bei einem Nikolaus-Treffen, wie auf unserem Bild. - © dpe/Oliver Berg
Ihm ist Rot als Kennfarbe für Weihnachten zu verdanken: Ursprünglich die Farbe heidnischer Kulte, wurde Rot durch den Nikolaus populär. Und den in Lykien geborenen Bischof gibt es vielfach im alpenländischen Raum - nicht nur bei einem Nikolaus-Treffen, wie auf unserem Bild. - © dpe/Oliver Berg

Weihnachten ist das Fest der Gegensätze: Stress und Ruhe, Völlerei und Verzicht, Streit und Besinnung - zu keiner anderen Zeit des Jahres klaffen Ideal und Wirklichkeit so weit auseinander. Ein Grund für die vorweihnachtliche Unausgeglichenheit könnte auch die Wirkung jener Farbe sein, die uns im Advent am aufdringlichsten begegnet: Rot. Der König der Farben hat zur Weihnachtszeit Hochsaison. Von Punsch über Adventkranz-Kerzen, Nikolaus- und Weihnachtsmännchen bis hin zum Geschenkpapier kommt man um diese Farbe nicht herum. Mit der Tradition des Christentums hat das omnipräsente Rot zur Weihnachtszeit allerdings weniger zu tun als man denkt - in den Kirchen ist Violett die Farbe des Advents. Der Kult um Rot hingegen geht vor allem auf heidnische Bräuche zurück. Was macht diese Farbe aber so besonders? Und warum passt sie dann doch so gut zu Weihnachten?

Das Blut der Erde


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Die Begegnung mit der Farbe Rot zählt zu den Urerfahrungen der ersten Menschen. Ihr leuchtendes Herausstechen aus dem pastelligen Einheitsbrei von Grün-, Grau- und Blautönen macht sie von Anbeginn zu etwas Besonderem. In der Natur ist Rot die Farbe von Beeren und Früchten, giftigen Pilzen und Tieren, sie steht für Leben und Wärme, Sonnenaufgang und -untergang, aber auch für Versuchung und Gefahr. Rot tritt nicht erst mit dem Blut getöteter Tiere ins Leben der Menschen, schon die Selbsterfahrung, dass auch der eigene Körper diese Farbe beinhaltet, war ungeheuerlich. Sehr früh begann der Mensch, den Saft des Lebens künstlerisch zu imitieren. Nach Kalkweiß und schwarzer Holzkohle entdeckte man den roten Ocker - das "Blut der Erde". Noch bevor die Menschen in der Lage waren, Skulpturen zu formen, färbten sie damit Steine und Höhlenwände. Ovale Felsspalten, die man Rot ausmalte, deuten darauf hin, dass die frühen Menschen auch die Verbindung mit Geburt und Menstruation künstlerisch darstellten - eine Thematik, die erst Jahrtausende später bei Hermann Nitschs Menstruationsbinden-Bildern wieder auftaucht. Überhaupt erklärt sich das Werk des bis heute umstrittenen Blutkünstlers am besten durch die Beschäftigung mit der Geschichte der Farbe Rot.

Dass die Erfahrung mit dem Erdpigment Ocker auch in die frühesten mythologischen Erzählungen eingehen musste, liegt auf der Hand. Bei australischen Aborigines, die den Zyklus der Frau nicht tabuisieren, sondern verehren, entstanden die Ockervorkommen der Erde der Legende nach aus dem Menstruationsblut zweier Frauen. Die Griechen der Antike deuteten den Ocker als geronnenes Blut des Uranos, der von seinem Sohn Kronos im Schöpfungsmythos mit einer Sichel aus Feuerstein kastriert wird. Auch in der jüdisch-christlichen Schöpfung spielt Ocker vermutlich eine Rolle: Adam wird aus dem Hebräischen "adamah" erschaffen, das einerseits als Staub, Lehm und Ackerboden, aber auch als rote Erde übersetzt werden kann.

Neben Blut wurde die Farbe Rot schon immer auch mit Feuer verbunden. Phönix, der mythologische Feuervogel, der wie die Sonne immer wieder aufs Neue aus der Asche hervorsteigt, ehe er im Abendrot wieder verglüht, findet sich in irgendeiner Form in nahezu allen Kulturen. Die Faszination für diesen Kreislauf, den die Christen später mit der Auferstehung assoziierten, scheint bis heute nicht erloschen zu sein. Wenn Conchita Wurst im Video zu ihrem Song-Contest-Siegerlied "Rise like a Phoenix" in Rosenblättern badet, ist das nicht nur eine Anspielung auf den Film "American Beauty", sondern in mehrerlei Hinsicht auch eine Liebeserklärung an die Farbe Rot.

Der geheimnisvolle Purpur

Ein gespaltenes Verhältnis zur roten Farbe hatten über lange Strecken die christlichen Kirchen. Vor allem das kräftige Zinnober-Rot schien problematisch. Die Ambivalenz jener Farbe, die zwar Leben und Wärme spendet, aber auch für Aggression, Tod, Verderben oder gar Lust steht, war den früheren Kirchenvätern unheimlich. Eine Tatsache, die sich auch aus der christlichen Begegnung mit römischer und germanischer Mythologie entwickelt hat. Heidnische Kriegsgötter wie Mars, Wotan und Donar, die allesamt mit Rot assoziiert wurden, machte man im Zuge der Christianisierung zu Teufeln und Dämonen. Rote Haare, die von den Germanen vor der Schlacht gerne auch künstlich gefärbt wurden, galten von nun an als Signum der Hexerei.

Ähnlich reserviert wie dem teuflischen Zinnober (den man sprichwörtlich bis heute gefälligst nicht "aufzuführen" hat) standen die Christen anfangs dem Purpur gegenüber, der von weltlichen Herrschern als Machtsymbol getragen wurde. In einem komplizierten Verfahren aus der Purpurschnecke gewonnen, ließ sich dieser mysteriöse rot-blaue Stoff im Farbspektrum nie genau einordnen. Wahrscheinlich erlag die Kirche gerade deswegen der zauberhaften Farbe doch noch und führte um das Jahr 1000 n. Chr. den Kardinals-Purpur ein. Da der Nachschub aber nach dem Fall Konstantinopels im 15. Jahrhundert zum Erliegen kam, ersetzte man die Farbe der Kardinals-Kleider durch ein sattes Rot, das bis heute getragen wird. Die Farbe des Originalpurpurs hingegen geriet in Vergessenheit. Den Künstlern fehlte die Technik, um ihn naturgetreu abzubilden. Für die Darstellung Christi - dem im Passionszyklus zum Spott selbst ein Purpurmantel umgehängt wird - behalf man sich mit einem Trick und wählte die Farben Blau und Rot. Mischt man diese Farben, so erhält man Violett - ein Pseudo-Purpur.