Gerhard Haderer ist einer von Österreichs renommiertesten Karikaturisten. 2002 geriet er selbst in die Kritik der Öffentlichkeit und der Kirche für sein Buch "Das Leben des Jesus". In Griechenland wurde sein Buch damals sogar verboten, ein Berufungsgericht hob den Schuldspruch aber später auf. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er nun über Lehren für die Politik aus dem Anschlag auf seine Kollegen von "Charlie Hebdo", über Grenzen von Humor und über die Verantwortung von Glaubensgemeinschaften.

"Wiener Zeitung": Herr Haderer, wegen Jesus-Cartoons hat man Sie einst angefeindet. Die Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" mussten ihre islamkritischen Karikaturen mit dem Leben bezahlen. Warum scheint es, als könnten Religion und Satire noch immer keine friedliche Koexistenz bilden? Schließen sie sich vielleicht gar aus?

Gerhard Haderer: Ja, ich glaube das schließt sich tatsächlich aus. Es sind eigentlich Gegenpole. Satiriker sind aufgrund ihrer Positionierung immer bereit, an die Grenzen dessen zu gehen, was man einmal die bürgerlichen Moralvorstellungen nannte. Ich denke, Religionen können diesen demokratisch-freiheitlichen Dialog aber nicht bis zum Äußersten führen, weil es am Ende doch um unumstößliche Dogmen geht.

Eine freiheitlich-demokratisch fundierte Religion...

...gibt es nicht. Denn es wäre ein Anachronismus - Religion wäre damit obsolet.

Was Religionsvertreter nach außen hin gerne postulieren, ist Toleranz. Der Schweizer Satiriker Andreas Thiel hat kürzlich in einer Islamkritik geschrieben, die Humorlosigkeit sei die Schwester der Intoleranz und die Tante des Rassismus. Teilen Sie diese Auffassung?

Ich sehe diesen Zusammenhang auch. Denn es geht ja auch darum, dass man gewisse Vorbedingungen mitbringen muss, um überhaupt einen Dialog miteinander führen zu können. Zum Beispiel eine Sprache zu sprechen, die der andere auch versteht. Und ich glaube, dass die Sprache der Satiriker, Kabarettisten und Cartoonisten insgesamt sich einer dogmatischen Vereinigung wie einer Religionsgemeinschaft einfach nicht erschließt. Wenn man diese Codes nicht kennt, sind auch unglaublich viele Missverständnisse programmiert. Damit meine ich aber nicht, dass man sich gegen schwere Angriffe nicht in einem gewaltfreien Diskurs zur Wehr setzen darf - denn das muss legitim sein -, sondern dass manche Zeichnungen entweder absichtlich oder weil man diese Codes nicht versteht, als Attacken gesehen werden, obwohl sie gar keine sind.