Nun räumen zwar alle Religionen, auch der Islam, dem Humor einen gewissen Platz ein. Wo aber die Grenzen liegen, das definieren sie nur schwammig und uneinheitlich. Macht es das für Satiriker nicht unheimlich schwer, die Tragweite ihrer Arbeiten abzuschätzen?

Das ist eine Diskussion, die man nicht religionstheoretisch, sondern demokratiepolitisch führen sollte. Wenn es um Grenzsetzungen geht, dann muss man danach fragen, wer diese definiert - in den aufgeklärten Ländern ist das die Gesellschaft. Wir haben aus diesem Grund mühsam die Trennung zwischen Kirche und Staat vollzogen. Als Satiriker hat man die Grenzen zu akzeptieren, die in der Gesellschaft gesetzt werden, nicht die von Religionsgemeinschaften. Denn das sind nur Vereine.

Kurt Tucholsky schrieb sinngemäß, der "echte Satiriker" finde erst mit der Bedrohung durch die Zensur zu seiner feinen Klinge. Glücklicherweise fehlt dieser Zensor in den westlichen Demokratien heute. Aber hat die Satire dadurch auch an Feinheit verloren? Ist sie manchmal zu plump?

Gerhard Haderer: Es ist natürlich klar, dass Satire immer dann ganz besonders originell war, wenn sie im Verbotenen oder gesellschaftlich nicht akzeptierten Bereichen stattgefunden hat, etwa in besonders hierarchischen Gesellschaften oder Diktaturen. Diese hohe Qualität hat ganz einfach mit den besonderen Anstrengungen zu tun, die die Situation erfordern. Ich möchte da zum Beispiel an die Höhenflüge des Kabaretts in der DDR erinnern. Heute sind die Qualitätsunterschiede in den westlichen Demokratien natürlich groß, aber das dürfen sie auch sein.

Wie eingehend beschäftigen sich Karikaturisten mit Themen, bevor sie den Stift zur Hand nehmen?

Ich kann natürlich schwer für andere Kollegen sprechen. Aber ich weiß, dass es gerade unter den Pariser Opfern Leute gegeben hat, die nicht nur fantastische Karikaturisten, sondern auch großartige Denker waren. Ich für meinen Teil bemühe mich immer darum, dass der Gedanke, der von mir verbreitet wird, auch intellektuell zu argumentieren ist. Mir ist nichts mehr zuwider, als Nonsens zu produzieren, der rein der Unterhaltung dient. Das ist eine andere Auffassung von Karikatur, der ich persönlich nicht anhänge.

Die Reaktionen von Satirikern auf das Pariser Attentat waren fast einhellig: kein Zurückweichen vor Angriffen auf die Meinungsfreiheit. Wie aber kann die Politik reagieren?

Zunächst einmal muss dieses abscheuliche Verbrechen natürlich genau so geahndet werden, wie es unsere Gesetze vorsehen. Die Regeln unserer demokratisch-liberalen Gesellschaften müssen jetzt auch noch einmal ganz deutlich gemacht werden. Das soll aber nicht heißen, dass man plötzlich irgendeine Kriegsrhetorik ausgräbt, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse hinweist, die hinter diesem Ereignis stecken. Das sind keine Probleme, die Cartoonisten betreffen, sondern soziale Probleme: Wie ist es möglich, dass sich Menschen wegen einer Lächerlichkeit wie Karikaturen derart radikalisieren lassen? Das ist ein Thema, das schon viel länger besteht, aber durch diesen Anschlag jetzt endgültig auf dem Tisch liegt.

Welche Rolle kommt den islamischen Glaubensgemeinschaften zu? Sollten die nun in der Debatte aktiver werden?

Ja unbedingt. Vor allem sollte Polarisierung vermieden werden. Ich mache mir weniger Sorgen um antiislamische Bewegungen wie Pegida als um die Befindlichkeiten jener Muslime, die in den westlichen Ländern leben und diesen Terror ebenso verurteilen. Man sollte sich schon auch fragen, wie es denen geht. Und dann müssen wir die Regeln unseres Zusammenlebens wieder klar definieren.