Große Bautraditionen

Die reiche Barock-Tradition der Pilsener Region zum Beispiel wird im kommenden Jahr gefeiert. Etliche Kleinode von Weltrang sind rings um Pilsen zu entdecken, die herrliche Klosteranlage von Kladruby etwa. Und in Pilsen selbst spielen die Programm-Macher mit den Industrie-Klischees: Ein altes Straßenbahndepot haben sie zum Kulturzentrum umgebaut, in dessen riesigen Hallen Ausstellungen und Konzerte stattfinden und wo auch Künstler und andere Kreative günstige Ateliers finden.

Bei dieser Wiederentdeckung des eigenen Erbes staunen die Pilsener oft selbst: Dass zum Beispiel Adolf Loos, der berühmte mährisch-österreichische Architekt, in Pilsen mehr als ein Dutzend Bürgerwohnungen eingerichtet hat, wusste lange Zeit niemand. "Er war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Pionier der modernen Architektur", schwärmt Expertin Magdaléna Soukupová, "und doch ist es fast unbekannt, dass es hier in Pilsen gleich nach Wien die meisten seiner Arbeiten gibt." Viele der kostbaren Interieurs sind pünktlich zum Kulturhauptstadt-Jahr wieder herausgeputzt worden - weitläufige Wohnungen mit Kirschholz- und Marmorvertäfelungen, mit Sofas, Schreib- und Esstischen, die allesamt Loos selbst entworfen hat. "Zu seinen Lebzeiten war in Europa die Wiener Sezession der angesagte Stil", sagt Soukupová, "und er hat frischen Wind in die Architektur gebracht!" In Pilsen hat Loos schließlich auch sein privates Glück gefunden: Claire Beck, seine dritte Ehefrau, war die Tochter eines seiner wichtigen Kunden. Die Ehe hielt war nur drei Jahre, aber der Stadt Pilsen blieb Adolf Loos verbunden: Bis kurz vor seinem Tod 1933 arbeitete er hier. Die meisten seiner Auftraggeber waren wohlhabende Industriellenfamilien, viele von ihnen Juden.

Jüdisches Erbe

Denn auch das ist ein Teil des Pilsener Erbes: Einst war hier eine der größten jüdischen Gemeinden der damaligen Tschechoslowakei. "Heute haben wir nur noch 119 Mitglieder", sagt Eva Štixová. Die Holocaust-Überlebende ist heute Vorsitzende der Gemeinde und damit verantwortlich für eine der buchstäblich größten Attraktionen der Stadt: Die Hauptsynagoge, die sich am früheren Korso am Rand der Altstadt erhebt, ist der ganze Stolz der Gläubigen: Sie ist die zweitgrößte Synagoge Europas und die drittgrößte der Welt. "Nur durch Glück ist sie durch die Zeiten gekommen", sagt Štixová. So ist auch die Synagoge mit ihrer maurischen Fassade im kommenden Jahr zu sehen. Und auch die Alte Synagoge ist rechtzeitig renoviert worden - ein Gotteshaus, das sich im Innenhof eines Wohnblocks versteckt und an die Anfänge der jüdischen Bewohner in Pilsen erinnert.