Die angehenden Instrumentenbauer der Hallstätter Fachschule entdecken nach mühevoller Kleinarbeit die entscheidende Maßeinheit - das 18,66 Millimeter lange Amati-Inch. - © Iris Mostegel
Die angehenden Instrumentenbauer der Hallstätter Fachschule entdecken nach mühevoller Kleinarbeit die entscheidende Maßeinheit - das 18,66 Millimeter lange Amati-Inch. - © Iris Mostegel

Es ist eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch: In einer Fachschule für Instrumentenbau im malerischen Salzkammergut vertieft sich eine Gruppe an Schülerinnen und Schülern in historische Geigenbaudokumente. Nach welchem Konstruktionsprinzip haben Antonio Stradivari (ca. 1644 bis 1737) und die anderen großen Geigenbaumeister aus dem norditalienischen Cremona ihre legendären Streichinstrumente gebaut?

So lautet die Aufgabenstellung der Projektarbeit. Eigentlich verwegen. Immerhin hat sich an genau dieser Frage die Wissenschaft in den vergangenen 250 Jahren die Zähne ausgebissen. Zwar gelang es, die alten Meistergeigen baulich zu imitieren, aber unklar blieben die Methodik und die verwendete Maßeinheit - mit dem Tod Stradivaris war das Wissen mit ins Grab verschwunden. Doch jetzt scheint ausgerechnet diese Gruppe erst angehender Instrumentenbauer Licht ins Dunkel gebracht zu haben.

Mit Lineal und Zirkel

Der Reihe nach: Im September 2013 beginnen sich die sieben Schülerinnen und Schüler der Hallstätter Fachschule für Instrumentenbau mit dem Thema zu beschäftigen. "Die bisherigen Erklärungsmodelle - es gibt mindestens zwei Dutzend - waren viel zu komplex. Stradivari hat nur Lineal und Zirkel verwendet, er hat an die 1600 Instrumente gebaut, das heißt, er kann gar nicht die Zeit gehabt haben, eine derart große Wissenschaft daraus zu machen. Mir war klar, dass er nach einem einfacheren Prinzip gearbeitet haben muss", erzählt die Musikwissenschafterin und Instrumentenbaumeisterin Simone Zopf (40). Sie unterrichtet die siebenköpfige Klasse und leitete das "Stradivari-Projekt". Zu Beginn nur im Glauben, vielleicht die eine oder andere neue Perspektive zur Cremoneser Geigenbaukunst gewinnen zu können. Die Wochen vergehen. Die Schüler lesen. Vergleichen. Überprüfen. Verwerfen. Forschen weiter.

Nach einem Jahr Arbeit und "vielen zähen Phasen", wie es einer der Schüler beschreibt, machen sie die Entdeckung: Auf einem Lineal aus Stradivaris Nachlass finden sie eine 18,66 Millimeter lange Maßeinheit, auf deren Basis er seine Instrumente gebaut haben muss, so Projektleiterin Zopf. "Wir haben die gängigsten Geigenformen von Stradivari untersucht und es zeigte sich, dass alle Abstände und Radien, ja selbst die Schnecke entweder Vielfache oder Teiler dieser Maßeinheit sind." Diese war zwar bereits seit 1980 bekannt, wurde aber nicht in Verbindung zur Konstruktion von Stradivaris Geigen gesetzt, ja hatte nicht einmal einen Namen - jetzt tauften sie die Schüler auf "Amati-Inch". Denn nicht Stradivari, sondern Andrea Amati, der Vater des Cremoneser Geigenbaus aus dem 16. Jahrhundert, wandte das Maß vermutlich zum ersten Mal an.