Schlüssige Methode

Doch die Geschichte geht noch weiter: Von dieser Maßeinheit ausgehend, entwickeln die Schüler mit ihrer Lehrerin ein auf konzentrischen Kreisen beruhendes Konstruktionssystem, mit dem sich Streichinstrumente nun erstmals mit einfachen Mitteln wie Lineal und Zirkel nach dem Stradivari-Schema entwerfen lassen.

"Dieser Ansatz ist sehr überzeugend", meint Michael Malkiewicz vom Salzburger Mozarteum. Der Musikwissenschafter hat sich mit den Arbeiten der Schüler bereits detaillierter auseinandergesetzt. "Im Gegensatz zu den bisherigen Erklärungsversuchen hat man jetzt zum ersten Mal eine einfache und schlüssige Methode gefunden, wie Stradivari seine Streichinstrumente gebaut haben könnte. Als endgültigen Beweis bräuchte man freilich eine historische Bauanleitung von ihm selbst. Nur: Eine solche gibt es leider nicht." Als gesichert sieht Malkiewicz dagegen an, dass die italienischen Geigenbauer auf Basis der von den Schülern entdeckten 18,66-Millimeter-Einheit gearbeitet haben. "Das war in der damaligen Zeit auch in anderen Bereichen ein gängiges Maß, vor allem in der Architektur."

Auf einem internationalen Kongress im italienischen Geigenbau-Mekka Cremona präsentierten die Schüler vergangenen Herbst ihre Arbeit und trafen auf positive Resonanz. "Eine wirklich interessante Hypothese. Jetzt wäre es spannend, diese gemeinsam an weiteren Stradivari- und Amati-Instrumenten aus unserer Kollektion zu überprüfen", meint etwa Jean-Philippe Echard, ein Kurator des Pariser Musée de la Musique. Doch die wirkliche Diskussion wird wohl erst dann starten, wenn die Forschungsergebnisse wissenschaftlich publiziert und damit einem breiten Fachpublikum zugänglich sind. Nicht so lange warten wollte das renommierte Royal College of Music in London: Sie haben von den jungen Leuten aus Österreich und ihrer Projektleiterin bereits gehört und sie prompt für den kommenden Instrumenten-Fachkongress eingeladen: Man will sich das neue Modell erklären lassen.

Wie die Rezeptur von Cola

Bei den Schülern in Hallstatt herrscht indes eine Mischung aus Gelassenheit ("Naja, cool ist es schon") und Freude: "Anfangs konnte ich es nicht glauben, dass wir da eines der Geheimnisse Stradivaris gelüftet haben sollen. Ich dachte mir: Kann es sein, dass wir das gefunden haben, was andere Jahrhunderte lang übersehen haben?", erzählt Zopf. "Das ist ungefähr so, wie wenn man der Rezeptur von Coca Cola auf die Spur gekommen ist." Ein Schüler grinst und meint: "Nein, es ist wie die erste Mondlandung." Die anderen lachen. Sie stehen an ihren Zeichentischen und arbeiten an ihrer Abschlussarbeit - jeder von ihnen entwirft sein eigenes Saiteninstrument. Selbstredend nach dem Stradivari-Prinzip.

Malkiewicz: "Das ist das eigentlich Bahnbrechende: Die Erkenntnisse der Schüler erlauben einen völlig neuen Blick auf den Instrumentenbau."