Susan Gray würde sich ja gern in aller Ruhe mit ihrem Strickzeug hinsetzen und warten, bis ihr Mann von der Arbeit heimkommt. Und ihm dann, wie es sich für eine brave 50er-Jahre-Ehefrau geziemt, einen saftigen Braten servieren. Sie hat das wirklich probiert. Allein: Susan Gray fällt das schwer. Denn keine zehn Jahre zuvor hat sie mitgeholfen, dass die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewinnen. Sie war eine von vielen Frauen, die in Bletchley Park arbeiteten - jener geheimen britischen Militärstelle mit dem offiziellen Namen Government Code & Cypher School (GC&CS), wo auch Alan Turing mit seinem Team den deutschen Enigma-Code entschlüsselte. Susan Gray ist eine der Hauptfiguren in der britischen Serie "The Bletchley Circle". In der Sendung treffen sich vier Kolleginnen von damals nach einigen Jahren wieder und nützen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, von besonderer Kombinationsgabe bis zur Mehrsprachigkeit, dazu, ungeklärte Mordfälle zu lösen.

Fundstücke im "Quatsch"

Susan Gray ist erfunden, aber es gab viele Frauen wie sie. Jedoch gilt auch hier: Geschichte schreiben Männer. Deswegen war in den vergangenen Tagen viel zu lesen über den Film "The Imitation Game" über Alan Turings Schicksal, während eine Serie wie "The Bletchley Circle" nur Eingeweihte auf Netflix finden. Zwei Bücher haben aber diesen Moment der Aufmerksamkeit genützt, um einen Seitenblick zu wagen und auch die Damen vom Bletchley Park vor den Vorhang zu bitten.

Im Jahr 1944 arbeiteten in Bletchley Park dreimal so viele Frauen wie Männer, schreibt Tessa Dunlop in ihrem Buch "The Bletchley Girls". Sie räumt allerdings auch gleich mit dem Mythos auf, den die TV-Serie schafft: Es waren beileibe nicht nur hochbegabte Kryptoanalytikerinnen in Bletchley Park beschäftigt. Der Großteil der Arbeit bestand darin, die unhandlichen Maschinen, die sogenannten "Bomben", Vorläufer unserer heutigen Computer, zu bedienen. Sie schnappten Radiosignale auf und decodierten sie, und sie tippten und sortierten entschlüsselte Nachrichten. Da kam es auch auf winzige Details an. Eine Decodiererin erzählt, sie hat einen ganzen Sermon an "Quatsch", wie sie es auch auf englisch nennt, abgetippt und mittendrin ist ihr aufgefallen, dass es doch darum geht, dass ein U-Boot lokalisiert worden war. Mit beherztem Eingreifen konnte sie einen Angriff verhindern.

Rätselprofis

Diese Frauen waren zwischen 18 und 24 Jahren alt, manche noch jünger. Sie wurden an Schulen und Universitäten rekrutiert, weil sie ein besonderes Talent für Mathematik oder Linguistik hatten. Oder weil sie gut darin waren, Kreuzworträtsel zu lösen. 1942 veranstaltete die Zeitung "Daily Telegraph" zum Beispiel einen Wettbewerb, bei dem es darum ging, ein Rätsel in weniger als 12 Minuten zu lösen - auch eine Rekrutierungsmaßnahme. Die vielen guten Schachspieler in der Einheit brachten ihr übrigens den Spitznamen "Golf, Cheese & Chess Society" ein.

Bei der Präsentation des Buchs "The Debs of Bletchley Park" vom Historiker Michael Smith kam es in London zu einem emotionalen Treffen von Veteraninnen. Einige arbeiteten damals sogar in derselben Baracke, hatten sich aber noch nie gesehen. Das zeigt, warum es noch so viel zu erzählen gibt: Diese Frauen hatten Geheimhaltung geschworen, und der hatten sie sich so verschrieben, dass sie nicht einmal ihrem nächsten Umfeld mitgeteilt haben, was genau ihre Aufgabe im Krieg war. Der Mann von Lady Marion Body etwa knallte ihr 1974 das Enthüllungsbuch über die Enigma-Entschlüsselung auf den Tisch und sagte entnervt: "Sagst du mir jetzt endlich, was ihr da im Krieg gemacht habt?" Sie, ganz entspannt: "Nein." Ein Glück, dass die Damen auf ihre alten Tage nun doch gesprächiger werden.