(cb) Es ist ein Tabu. Der Reflex sagt: Wenn nicht einmal Geld da ist, um den Hunger zu stillen, dann kann man sich doch keinen Lippenstift kaufen. Wenn man an Konzentrationslager denkt, denkt man nicht daran, wie Frauen dort an Kosmetik gekommen sind. Die Pietät verbietet es, das Grauen mit dem Hedonismus zu verbinden. Das darf man einfach nicht. Denkt man. Das Buch "Ein Hauch von Lippenstift für die Würde" zeigt, wie falsch man mit dieser Selbstzensur liegt. Die Autorin Henriette Schroeder hat in dem lesenswerten Band Interviews mit und Beiträge von Frauen in den verschiedensten Kriegs- und Krisensituationen versammelt. Ihr Tenor: Gerade in katastrophalen Zeiten ist kaum etwas wichtiger, als hübsch auszusehen. Also eigentlich: Trotzdem hübsch auszusehen.

Das Buch erzählt etwa von Frauen im KZ, die die Gürtel ihrer Häftlingsuniform individuell "modisch" banden. Die Pragerin Nina Jirsíková zeichnete etwa satirische "Modevorschläge für den anspruchsvollen Häftling" und nannte sie "Ravensbrücker Modejournal". Das extremste Beispiel ist aber sicher jene Französin in Auschwitz, die sich ihre karge Ration Margarine als Fettcreme ins Gesicht geschmiert hat.

Diese Frauen taten das nicht aus verrückter Eitelkeit, sie taten das, um sich einen Rest an Normalität im Irrsinn zu bewahren. Und auch ein Stückchen Hoffnung darauf, dass es irgendwann wieder so werden könnte, wie es einmal war "in der guten alten Zeit".

Rosen unter der Uniform

Das betont auch die Journalistin Senka Kurtović, die sich viele Jahre nach der erwähnten Französin während des Jugoslawienkriegs aus Seifenstückchen und Wasserstoff Blondiermittel bastelte, sie erzählt auch, wie im belagerten Sarajevo eine Misswahl veranstaltet wurde. Sich in hohen Schuhen stundenlang um Wasser und Lebensmittel anzustellen, galt als Akt der Rebellion gegen die Belagerung. Rebelliert hat auch die Iranerin Yalda, die sich in Teheran nicht an Kleidungsvorschriften hielt und sich besonders stark schminkte. Das war gefährlich, "denn wenn die Sittenpolizei eine von uns erwischte, nahm sie sie mit und man wusste nie, wann oder ob sie zurückkommen würde."

Emily Wu wiederum wuchs in Maos China auf. Bunte Kleidung war verboten, Schuhe mit Absätzen auch, Make-Up und Schmuck sowieso, auch gefärbtes, lockiges oder dauergewelltes Haar. Wer sich nicht daran hielt, wurde als "Volksfeind" gedemütigt. Farbenfroh konnte man nur unter der Mao-Uniform sein - Emily Wu trug da etwa eine rotgrüne Jacke mit Rosenmuster: "Obwohl ich sie niemandem zeigen konnte, fühlte ich mich schön."

Ein Begleiter taucht immer wieder auf, treu und unverwüstlich: der Lippenstift. Eine Umfrage unter amerikanischen Frauen während des 2. Weltkriegs hat erhoben, auf welche Kosmetika sie verzichten können: Als wirklich unentbehrlich erwies sich nur der Lippenstift. Instant-Weiblichkeit, die Stärke für schwere Zeiten verleiht: Ein bisschen Rot ins Grau der Welt.