Wien. Vor zwei Jahren galt er als starker Mann. Peter Weinhäupl, kaufmännischer Direktor des Leopold Museum, hatte damals einen denkwürdigen Sieg errungen: Sein Gegner, der museologische Direktor Tobias Natter, hatte ihm Unvereinbarkeiten vorgeworfen und war überraschend zurückgetreten. Was Natter so missfiel: ein brisanter Nebenjob. Weinhäupl fungierte seit Herbst 2013 nämlich als Vorstandsvorsitzender der Klimt Foundation. Darin hatte die Witwe des NS-Filmregisseurs Gustav Ucicky ihre Kunstsammlung eingebracht; zumindest eines der Werke ("Bildnis Gertrud Loew") stand unter Raubkunstverdacht. Zwar kündigte Weinhäupl eine objektive Untersuchung des Falles an. Natter aber war das - auch vor dem Hintergrund, dass das Leopold Museum selbst in Provenienzdebatten am Pranger gestanden war - zu wenig. Der Spezialist für Wien um 1900, an sich prädestiniert für die Sammlung des verstorbenen Rudolf Leopold, ging mit einem Knalleffekt ab. Und daran konnte auch Elisabeth Leopold, Sammlerwitwe und Mitglied des Vorstands, nichts ändern. Das Gros ihrer Vorstandskollegen vertrat nämlich Weinhäupls Sicht der Dinge. Dass der kaufmännische Chef, der immer wieder auch als Kurator auftritt, aus dieser Krise gestärkt hervorging, erwies sich nicht zuletzt am Epilog des Eklats. Nach einer ersten Schockphase wurde Franz Smola, bisher intern Kurator, auf Natters Sessel gehievt. Zwar ist auch er ein profunder Mann. Die angekündigte Ausschreibung, die Smola vom Posten des interimistischen Direktors entbunden hätte, fand aber bis heute nicht statt.

Foundation spiele keine Rolle

Seit dieser Woche sieht die Welt nun ganz anders aus. In der Vorstandssitzung am Montagabend sind nämlich zwei überraschende Entschlüsse gefallen. Erstens: Weinhäupl, seit Gründung des Museums im Amt, wird dieses räumen. Er strebe keine weitere Verlängerung seines Vertrags an, heißt es, und werde somit höchstens bis Ende 2015 bleiben, um die Findung seines Nachfolgers zu begleiten. Und, dies ist Punkt zwei: Auch Smolas Posten wird ausgeschrieben, das Haus also eine völlig neue Leitung erhalten.

Die Kernfrage natürlich: Erfolgt Weinhäupls Schritt aus freien Stücken? "Mein Rückzug ist rein freiwillig und im guten Einvernehmen", erklärte er der APA; der Rückzug habe freilich auch nichts mit der Klimt Foundation zu tun. Diese, so wird Weinhäupl indirekt in einer Aussendung des Leopold Museums zitiert, "stehe heute auf einer guten Basis und sei sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft anerkannt".

Dem würde allerdings nicht jeder beipflichten. Zwar hat sich inzwischen einiges getan, um das Image der Stiftung aufzupolieren. Wie von Weinhäupl angekündigt, ist im Vorjahr nach dem Vorbild des Restitutionsbeirats ein Gremium geschaffen worden. Seit diese Einrichtung im September 2014 das "Bildnis Getrud Loew" als restitutionswürdig erachtet hat, drechseln die Advokaten auf beiden Seiten an einer Lösung. Derzeitiger Stand der Dinge: Im Falle einer Ausfuhrgenehmigung könnte das Klimt-Werk in New York oder London versteigert und der Erlös zwischen Erben und Foundation aufgeteilt werden.

Dennoch: So mancher Kunstfreund und Journalist betrachtet die Stiftung weiterhin mit scheelem Blick. Und er kann sich dabei nicht nur auf Natter berufen, der der Foundation Undurchsichtigkeit attestierte: Auch Elisabeth Leopold und ihr Sohn Diethard, ebenfalls Mitglied des Vorstands, stehen dem Konstrukt skeptisch gegenüber. Hatten sie womöglich Anteil an der aktuellen Entwicklung?

Beide geben sich zugeknöpft. Nur so viel: "Wenn er wirklich geht, will ich ihm Rosen streuen", sagt die Sammlerwitwe am Telefon und lobt Weinhäupls kaufmännische Meriten in den Jahren mit ihrem Mann. Diethard Leopold erklärt nur, dass er in den nächsten Tagen Gespräche über die Ausrichtung des Hauses führe. Eine Neuausrichtung? "Kein Kommentar." Der Ex-Direktor Tobias Natter sagt lediglich: "Das ist eine gute, wenn auch überfällige Entwicklung." Ob er sich erneut als Direktor bewerben will, lässt er offen.

Lieber nicht anstreifen?

Thesen, wie es zu dem Schwenk gekommen sein könnte, hört man nur hinter vorgehaltener Hand. Eine davon: Das Leopold Museum könnte durch öffentliche oder private Geldgeber zum Umdenken bewegt worden sein - durch Geldgeber, die unter den gegebenen Umständen lieber nicht am Museum anstreifen wollen.