Wien. Die Wiener Staatsoper zeigt unter Direktor Dominique Meyer keine zeitgenössischen Werke: Der Vorwurf steht seit Jahren im Raum. Nun kontert Meyer mit einem konkreten Projekt. Am Dienstag lud er an der Seite von Olga Neuwirth zum Pressetermin. Österreichs renommierteste Komponistin wird für die Staatsoper "Orlando" nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf schreiben; für das Libretto zeichnet die französisch-amerikanische Autorin Catherine Filloux verantwortlich.

Erstmals 1928 erschienen, thematisiert und hinterfragt die Vorlage Geschlechtsidentitäten quer durch die Jahrhunderte. Der Protagonist, geboren im England des 16. Jahrhunderts, liebt und lebt im Roman bis 1928. Neuwirth will den Stoff in die Gegenwart fortspinnen, auf der Bühne aber in einem zeitlich überschaubaren Rahmen bleiben: "Ich mach’ keinen Wagner-Zyklus", sagte sie lachend. Nach derzeitiger Planung soll ihr Stück 90 bis 100 Minuten lang und für größeres Orchester, Chor und Solisten verfasst sein; die Uraufführung ist für Dezember 2019 geplant.

Ätzende Kritik am "Boys’ Club"

Freilich - mit Abmachungen hat Neuwirth hier schlechte Erfahrungen. Ein gemeinsames Opernprojekt mit Elfriede Jelinek, für Wien und Salzburg geplant, wurde an beiden Orten gestoppt - oder "entsorgt", wie Neuwirth es nennt. Die Komponistin nützte den Dienstag nicht zuletzt dafür, um noch einmal das erlittene Ungemach anzuprangern. Auch darum verlas sie ihre Rede: "Vielleicht", so der Beginn, "möchte eine so ehrwürdige, traditionsreiche Institution, wie die Wiener Staatsoper eine ist, nun doch auch eine ‚vielfältigere Erzählweise‘ ausforschen und hat mich, nach dem Scheitern am Beginn des Jahrtausends, deswegen nochmals eingeladen (. . .). Kommen wir nun doch langsam in ein gleichwertigeres Zeitalter, und geht es nicht nur mehr um den sogenannten Boys’ Club?" Einem männlichen Künstler, so Neuwirth ganz direkt, hätte man damals jednefalls nicht so einfach abgesagt. Einen rhetorischen Blumenstrauß gab es dann freilich für den aktuellen Direktor, der bis 2020 auch Uraufführungen von Krzysztof Penderecki und Johannes Maria Staud plant: "Ich bin Dominique Meyer dankbar für diese wertvolle Anerkennung meiner Arbeit."

Das wiederum dürfte Seelenbalsam für den Franzosen sein. Schließlich hört er derzeit nicht nur Komplimente. Nach dem überraschenden Abgang von Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst im Herbst musste Meyer nicht nur rund 100 verwaiste Abende neu besetzen. Es weht ihn seither auch manche scharfe Böe an. Jüngster Anlassfall: die Wiederaufnahme von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk". Vor der Aufführung am Sonntag hat der Regisseur seine Arbeit im Auftrag des Hauses auffrischt. Die Pikanterie: Dieser Künstler war niemand anderer als Matthias Hartmann, entlassener Direktor nach dem Finanzskandal der Burg und den Bundestheatern seither nur mehr in Form eines Rechtskriegs verbunden. Meyer findet die Aufregung übertrieben. "Ich habe in den Vorjahren immer wieder Regisseure eingeladen, ihre Produktion aufzufrischen - Otto Schenk bei drei Produktionen, zuletzt Andrei Serban und Vera Nemirova", verteidigt er sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Eine Wiederaufnahme wird einfach besser, wenn sich der Regisseur darum kümmert." Aber hätte man im Fall Hartmann nicht lieber eine Ausnahme gemacht? "Ich habe ihn nicht als Burgtheaterdirektor, sondern als Regisseur für diese Wiederaufnahme engagiert - und das schon vor drei, vier Jahren. Ich finde, man sollte gewisse Dinge auseinanderhalten." Dass Hartmanns Engagement "juristisch nicht ganz ohne Probleme" sei, wie Günter Rhomberg sagt, glaubt Meyer nicht.