Kirill Petrenko tritt
Kirill Petrenko tritt

Berlin. "Ich hätte ihn auch gewählt! Jedes Orchester kann sich so einen Dirigenten nur wünschen!", postete eine österreichische Orchestermusikerin auf Facebook, als bekannt wurde, dass sich die Berliner Philharmoniker für Kirill Petrenko als Nachfolger für ihren 2018 scheidenden Chef Simon Rattle entschieden haben.

Es hatte lange gewährt, ehe es gut wurde: Am 11. Mai hätte alles klar sein sollen. Doch die Musiker der Berliner Philharmoniker, die ihren Chef in demokratischer Abstimmung wählen, konnten sich nicht einigen. Keiner der Kandidaten, die ebenfalls nur vom Orchester nominiert werden, konnte die nicht näher definierte "signifikante Mehrheit" der Stimmen auf sich ziehen. Aus Musikerkreisen hörte man, dass zwei Kandidaten hoch gehandelt worden waren: der Lette Andris Nelsons und der Deutsche Christian Thielemann.

Man vertagte sich.

Zurück zu Furtwängler oder nach vorne in die Zukunft

In der Folge schien alles für Thielemann zu sprechen. Manche deutschen Feuilletonisten und auch ein österreichischer riefen ihn zum legitimen Erben der Säulenheiligen des Orchesters, Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, aus - und verkannten dabei die Situation, dass das Orchester einen Nachfolger für Rattle suchte, nicht einen für Furtwängler oder Karajan. Dass Thielemann ein begabter Dirigent ist, stimmt zwar; ebenso, dass er große Teile des Publikums in Verzückung versetzt. Aber er steht auch für die altmodische Haltung, in der Musik zur sakralen Handlung mit dem Dirigenten gleichsam als Oberpriester wird, er steht für Konflikte (etwa in München und in Dresden), und dass er in einem Interview Verständnis für Pegida zeigte, quittierten viele kopfschüttelnd. Thielemann wäre gewiss der rechte Mann gewesen, hätten sich die Berliner Philharmoniker auf Furtwängler und Karajan rückbesinnen wollen. Doch als Aushängeschild eines modernen, zukunftsorientierten Orchesters ist Thielemann, bei allen musikalischen Qualitäten, unglaubwürdig.

Seltsamerweise schien ein Dirigent kaum noch eine Rolle in den Überlegungen zu spielen: Der Russe Kirill Petrenko. 1972 in Omsk geboren, mit seinen Eltern nach Österreich ausgewandert, baute er beharrlich seine Karriere auf. Er war Kapellmeister an der Volksoper, Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin, ist Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, hat daneben zahlreiche Verpflichtungen als Gastdirigent in Opern- und Konzerthäusern: ein begnadeter Interpret mit angenehmen Umgangsformen den Musikern gegenüber. Nicht von ungefähr schrieb die "Wiener Zeitung" in einem Artikel über die Wahl des Berliner-Philharmoniker-Chefdirigenten bereits am 2. Dezember 2014 prophetisch: "Derzeit aber scheinen alle Zeiger auf Petrenko zu stehen."

Dass die Berliner Philharmoniker nach abweichenden Diskussionen letzten Endes auf ihn zurückkamen, ist ein gutes Zeichen: einerseits eine Absage an repertoirefremde Experimente, für die Nelsons und der Venezolaner Gustavo Dudamel gestanden wären, andererseits ebenso eine Absage an restaurativ-konservative Tendenzen, für die Thielemann das Zeichen gewesen wäre. Petrenko steht für Repertoirepflege in harmonischer Verbindung mit neuen Wegen - in der Musik wie in der Vermittlung. Mit ihm kann ein Traditionsorchester gut in die Zukunft gehen.