Bayreuth. Es hat fast etwas von einem jährlichen Ritual: In der Gegend von Juni oder Juli sind die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele mit irgendeinem kleineren oder größeren Konflikt in den Schlagzeilen. Mitunter, zugegeben, ist das auch ein Konstrukt der Medien, um Bayreuth in die Schlagzeilen zu bringen.

Wenn jetzt aber wieder Rauch aufsteigt und dieser nach Gerücht riecht, scheint doch irgendwo ein Feuer zu brennen. Der deutsche Star-Kapellmeister Christian Thielemann darf jedenfalls, das ist sicher, seine Nichternennung zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker damit kompensieren, dass er zum Musikdirektor auf dem Wagner-Hügel ernannt wurde. Und schon soll, das ist jetzt Gerücht, der gar nicht konfliktscheue Musiker ein Zeichen seines Dortseins gesetzt und Eva Wagner-Pasquier (70, ihr Vertrag läuft heuer aus) gleich ganz des Hauses verwiesen haben. Ein lautes Lebewohl für die scheidende Chefin, die nach Vertragsende für die Festspiele beratend tätig sein soll.

Nicht nur Gerüchte

Stimmt so nicht, sagt Thielemann sinngemäß zum Verweis von Haus und Hügel. Was indessen stimmen dürfte, ist, dass Eva Wagner-Pasquier, die für die Besetzungen zuständig ist, rational nicht nachvollziehbare Entscheidungen getroffen haben dürfte. Den als "Ring des Nibelungen"-Alberich engagierten Österreicher Martin Winkler soll sie gefeuert haben, weil er "untragbar" sei, ebenso den kanadischen Siegfried-Sänger Lance Ryan, und laut "festspieleblog.de" habe sie die "Holländer"-Produktion den Agenturen gegenüber mit 2015 und somit vorzeitig für abgesetzt gemeldet - erst die Rückfragen der Agenturen brachten Aufklärung: Die Produktion läuft bis 2016. Mindestens.

Hintergrund des Konflikts aber, der offiziell gar nicht stattfindet, ist ein anderer: Wer ist zuständig für die Sängerbesetzung? Hat der Dirigent oder ein Musikdirektor mit musikalischen Vorstellungen das Vorrecht, der überaufgewertete Regisseur, oder ein Besetzungsbüro, das nach persönlichem Gutdünken auswählt, wer geeignet ist und wer nicht?

Jedenfalls: Die Stimmung war verbesserungsfähig. Selbst Stardirigent Kirill Petrenko, designierter Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und in seinen Aussagen sonst extrem zurückhaltend, meldete sich diesmal zu Wort: "Ich bin zutiefst irritiert in Bezug auf den unprofessionellen und völlig würdelosen Umgang der Bayreuther Festspiele mit der Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier und dem Darsteller Lance Ryan", wird der russische Maestro im "Tagesspiegel" zitiert.

Als Musikdirektor hat Thielemann nun freilich die Besetzungen in seinem Hoheitsbereich. Seine unbestrittene musikalische Kompetenz dürfte zu einer Befriedung führen, zumal sein gutes Einvernehmen mit der verbleibenden Festspielchefin Katharina Wagner ungetrübt ist. Und nachdem er einen namentlich auf ihn geschriebenen Parkplatz bekommen hat, können am 25. Juli auch die künstlerischen Dinge der Bayreuther Festspiele beginnen. Mit "Tristan und Isolde", Regie - logisch - Katharina Wagner, Dirigent - logisch - Christian Thielemann. Im Radiosender BR-Klassik sagte er: "Es gibt weder einen Krach zwischen Sängerinnen und Sängern noch zwischen Dirigenten. Wir sitzen gemeinsam in der Kantine." Ob Eva Wagner-Pasquier wohl am gleichen Tisch sitzt?