Das Haus, in dem Salka Viertel in Santa Monica bei Los Angeles ihren berühmten Salon unterhielt, steht zum Verkauf. Unten: Salka Viertel (r.) mit ihrem Lebensmenschen Greta Garbo im Film "Anna Christie" (1930). - © ddp, Johnny Perez
Das Haus, in dem Salka Viertel in Santa Monica bei Los Angeles ihren berühmten Salon unterhielt, steht zum Verkauf. Unten: Salka Viertel (r.) mit ihrem Lebensmenschen Greta Garbo im Film "Anna Christie" (1930). - © ddp, Johnny Perez

4,5 Millionen Dollar sind kein Pappenstiel, dafür muss schon einiges drin sein; ganzjähriger Sonnenschein hin, Glamourfaktor her.

Alsdann: "Der Strand liegt um die Ecke, zur Canyon Elementary School sind es nur ein paar Gehminuten. Dieses Haus mit seinen fünf Schlafzimmern und seinen zweieinhalb Badezimmern, erbaut im Stile des California Tudor, ist wie dafür geschaffen, Gäste zu empfangen und zu unterhalten."

Die Immobilie 165 Mabery Road liegt am exklusiven Westend der Stadt Santa Monica, die wiederum zu einer der reichsten Enklaven des Großraums Los Angeles zählt. In einer unauffälligen Seitenstraße, eingenestelt am Fuß der Pacific Palisades, wo die kalifornischen Berge beginnen, in den Pazifik abzufallen. Seinen Besitzer hat sie in ihrer Geschichte noch keine Handvoll Mal gewechselt. Die Familie, die das Haus 1926 baute, hatte praktisch nie darin gewohnt, sondern es zunächst vermietet und dann gleich verkauft.

In den darauf folgenden zweieinhalb Jahrzehnten wurde es für folgende Leute zum fixen Anlaufpunkt: Bertolt Brecht, Charlie Chaplin, Alfred Döblin, Greta Garbo, Christopher Isherwood, Heinrich Mann, Thomas Mann, Harpo Marx, Jean Renoir, Arnold Schönberg, Johnny Weissmüller. Unter anderem. Möglich machte das eine Frau, deren Name heute nur noch Historikern und Filmwissenschaftern geläufig ist.

Salka Viertel wurde 1889 als Salomea Sara Steuermann in der galizischen Kleinstadt Sombor geboren, einem entlegenen Teil der k.u.k. Monarchie, der damals zu Polen und heute zur Ukraine gehört.

Karriere als Schauspielerin

Die Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts hatte schon früh die Schauspielerei für sich entdeckt. Nachdem sie in ihren Jugendjahren am Pressburger Stadttheater aufgetreten und durch die Kurorte des österreichisch-ungarischen Reichs getingelt war, folgte sie 1913, nach einem kurzen Engagement unter Max Reinhardt in Berlin, einem Angebot der Neuen Wiener Bühne in der Wasagasse am Alsergrund. Fünf Jahre später heiratete sie den Autor und Re-gisseur Berthold Viertel, mit dem sie drei Söhne bekam. Nach weiteren Engagements in Hamburg, Düsseldorf und Berlin, wo ihr Mann das Schauspielkollektiv "Die Truppe" gründete und für die UFA arbeitete, zogen die Viertels 1929 in die USA. Auf Empfehlung von Friedrich Wilhelm Murnau, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Hollywood etabliert war, hatte Berthold Viertel einen Vertrag beim Filmstudio Fox bekommen. Fix auszuwandern hatte die Familie nicht im Sinn. Aber weil sich die politische Lage in Deutschland wie in Österreich zunehmend verschärfte, entschloss sie sich 1932, das Haus an der Mabery Road zu kaufen und in Kalifornien zu bleiben. Der damalige Kaufpreis lag bei 7500 Dollar. Während es mit Salkas Schauspielkarriere zunächst mehr schlecht als recht voranging, kämpfte Berthold Viertel mit den Zwängen des Studiosystems, in dem künstlerische Freiheit nicht eben großgeschrieben wurde.

Lebensmensch Greta Garbo

Finanziell leichter wurde es erst, als Salka Viertel Freundschaft mit einer ungleich prominenteren Kollegin schloss, die zum Lebensmenschen werden sollte: Greta Garbo, der gebürtigen Schwedin, die schon zu Stummfilmzeiten zum Superstar geworden war. Von der ersten Hälfte der Dreißigerjahre an schrieb Salka an zahlreichen Drehbüchern von Garbos Filmen mit, unter anderem an "Königin Christine", "Anna Karenina" (1935), sowie am letzten Film der notorisch publicityscheuen Diva, "Die Frau mit den zwei Gesichtern" (1941). Arbeiten wie diese machten sie zeitweise zu einer der höchstbezahlten Skriptautoren Hollywoods.

Nachdem sich das Ehepaar Viertel an der Westküste längst eingelebt hatte, als die größte Migrationswelle von Künstlern und Intellektuellen in der Geschichte Europas einzusetzen begann - zwischen 1933 und 1941 ließen sich 10.000 Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland im Großraum Los Angeles nieder -, wurde das Haus 165 Mabery Road sofort zu einem ihrer Treffpunkte. Wie es damals an einem beliebigen Sonntag im Haus Viertel zuging, erinnerte sich der Regisseur Robert Parrish später in der "L.A. Times" so: "Eines Tages kam ich durch die Hintertür ’rein, und in der Küche stand so ein Typ mit kurzen Haaren am Herd und kochte. Im Wohnzimmer spielte Arthur Rubinstein am Klavier, während die Garbo auf dem Sofa lag und Christopher Isherwood in einem Ohrensessel ’rumhing. Ich fragte sie, wer der Typ in der Küche sei. ,Bertolt Brecht‘, lautete die Antwort."

Salka Viertel selbst beschrieb die Atmosphäre ihres kalifornischen Salons in ihren 1969 erschienenen Memoiren "The Kindness of Strangers" so: "Es war ein Ort, an dem sich plan- und zwangslos die Berühmten mit den Nicht-Berühmten und den Noch-Nicht-Berühmten mischten." Die Hilfe der Gastgeberin für die von den Nazis Vertriebenen beschränkte sich aber nicht darauf, jahrelang ihr Haus für sie zu öffnen, sie mit Witz, Gulasch und Schokoladekuchen zu versorgen und teils sogar darin unterzubringen, bis sie im fremden Land auf die Beine kamen. Als Mitbegründerin des European Film Fund, einer Art Solidaritätsabgabe, in dem Angestellte der Filmstudios einen Teil ihres Gehalts für rechtliche und praktische Flüchtlingshilfe hergaben, spielte Salka Viertel eine maßgebliche Rolle in der Rettung von Schriftstellern wie Alfred Döblin, Alfred Polgar, Friedrich Torberg und Künstlern wie Leonhard Frank und Walter Mehring. Bis 1945 setzte sie, die nicht weniger als acht Sprachen fließend beherrschte, sich zudem regelmäßig bei ihren Hollywood-Freunden dafür ein, den Exilanten Arbeit zu geben.