Bunte Molekülketten im Zoom: Direktorin des Kindermuseums Elisabeth Menasse. - © Luiza Puiu
Bunte Molekülketten im Zoom: Direktorin des Kindermuseums Elisabeth Menasse. - © Luiza Puiu

Wien. Ein Raum mit Bergen aus vier Tonnen nassem Ton. Eine Horrorvorstellung für Eltern. Ein Paradies für deren Kinder. Denn der Ton hat nur einen Zweck: von Kinderhänden bearbeitet zu werden. Türme bauen, Tunnel graben, Tiere formen. Mit Nudelwalkern, Draht, Holz und den eigenen Fingern. "Das Zoom ist ein Ort, an dem Kinder Dinge tun können, die sie sonst nicht tun dürften", erklärt Direktorin Elisabeth Menasse das Konzept des Kindermuseums. Ein Ort, an dem Kinder die Welt ganz sinnlich und spielerisch erfahren können. Gut ausgerüstet. Eine Wand des sogenannten Labors für 4- bis 12-Jährige, das aktuell den Werkstoff Ton behandelt, hält kleine Blaumänner in allen Farben und Größen bereit, sogar Schuhe.

Ein stiller Tempel der Kontemplation ist das Zoom im Museumsquartier nicht. Soll es auch nicht. Brauchen Kinder schon deshalb ein eigenes Museum? Menasse: "Kinder nehmen Dinge anders wahr. Erwachsene lesen im Museum oft zuerst den Text, orientieren sich über das Lesen. Kinder eignen sich die Umwelt mehr über den Körper an. Sie gehen in eine Ausstellung und greifen erst einmal alles an. Probieren aus, rennen und wetzen herum. Wenn man mit ihnen aber hinausgeht, merkt man, dass sie unglaublich viel gelernt haben. Ohne einen Satz gelesen zu haben."

Neben den Ton-Bergen, im sogenannten Ozean, der Erlebniswelt für Kleinkinder, fliegen Stoff-Fische und -Pflanzen durch die Gegend. Ein Mädchen flitzt als Papagei durch den Raum, ein Bub hat sich in einer riesigen Filz-Blume versteckt. Gegenüber, in den Ausstellungsräumen für 6- bis 12-Jährige herrscht ein buntes Gewirr aus aufgeregten Kinderstimmen. Laufen, Klettern, Angreifen, Staunen. "Kunststoff" ist hier aktuell Thema. Eine Gruppe bastelt aus Perlen Moleküle nach, andere klettern in einem überdimensionalen Tunnel aus Netz herum oder stellen mit Schutzbrillen ausgestattet selbst Plastik her.

Sinnlichkeit und Distanz

Die Welt sinnlich zu erfahren, steht am Anfang des Lernens. Ist es auch die natürlichere Art, der Welt zu begegnen, als die anerzogene Distanziertheit der Erwachsenen? "Unsere Distanzierung ist kulturell gelernt. Schule macht ja genau das. Plötzlich wird das Lernen abstrakt, funktioniert das Aneignen von Dingen über das Lesen und nicht über das Angreifen." Schulisches Lernen erscheint so alles andere als kindgerecht. Elisabeth Menasse: "Man muss sich nur anschauen, wann Schulen gegründet wurden. Zu Zeiten Maria Theresias war die Funktion von Schule klar: Pünktlichkeit, Lesen und Schreiben. Als Vorbereitung auf die Arbeit am Fließband, auf ein Leben in der industriellen Gesellschaft. Heute brauchen wir eigentlich eine ganz andere Schule. Natürlich sollten Kinder Lesen und Schreiben können. Aber sie müssen noch so viel anderes lernen. Kritisch denken, kreativ sein. Wenn sie das nicht können, haben sie Schwierigkeiten in der heutigen Arbeitswelt."