"Wiener Zeitung": 2010 kuratierten Sie die Architekturbiennale in Venedig. Sie waren die erste Frau in dieser Position. Das Motto der Biennale war: "People meet in Architecture". Was macht Architektur zu einem Ort, an dem sich Menschen gerne treffen? Und warum halten Sie das für wichtig?

Kazuyo Sejima: Menschen können nicht allein leben. Sie leben zusammen. Sobald mehrere an denselben Ort in einer Stadt kommen, passieren interessante Dinge. Jeder hat seinen eigenen Hintergrund und seine eigenen Ideen, also müssen wir einander respektieren. Manchmal geht das nicht gut und es kommt zum Streit. Um so etwas zu lösen, kommunizieren wir. Die moderne Technologie entwickelte viele neue Kommunikationsformen, aber ich denke, auch der Raum an sich funktioniert sehr gut als Stätte der Kommunikation. Ich schaffe gerne sehr offene Räume, die verschiedene Menschen miteinander teilen können. Das Teilen von Raum und Zeit lässt Diversität entstehen.

Sie haben an der Nihon Joshi Daigaku University in Japan studiert, einer Privatuniversität für Frauen. Wie haben Sie das erlebt?

Eigentlich hatte ich nicht vor, dort zu studieren. Ich bewarb mich an drei Universitäten, doch nur diese nahm mich auf. Zuerst war ich geschockt, weil dort nur Frauen waren. Ursprünglich durften Frauen in Japan nicht studieren, die Nihon Joshi Daigaku University war die erste Universität für Frauen in Japan. Sie ist keine führende Architekturschule, doch die Ausbildung war nicht schlecht. Wir hatten gute Lehrer. Nach dem Diplom zerstreuten sich unsere Wege. Einige gingen in große Architekturbüros, andere machten Interior- oder Objekt-Design. In Tokyo gibt es viele Universitäten mit Architekturabteilungen. Wir diskutierten viel mit Kollegen aus anderen Schulen und schlossen Freundschaften. Offiziell gibt es nicht viel Austausch, aber ich ging auch auf eine andere Universität und nahm dort an Privatissima von Professor Koji Taki teil. Er ist kein Architekt, aber ein Fotograf und Philosoph. An einen Satz erinnere ich mich: "Um Kunst zu machen, muss man historische Kontinuität bewahren und einen Bezug zu den Zeitgenossen."

Welchen Eindruck haben Sie von der Angewandten und Ihren Studierenden in Wien?

Ich bin sehr überrascht. Ich habe bereits in Tokyo, in den USA. und einigen europäischen Städten unterrichtet. Aber es ist das erste Mal, dass so viele verschiedene Nationen in einer Klasse sind. Das ist sehr interessant, dadurch gibt es sehr viele Studierende mit eigenen Ideen und Gedanken. Ich wünsche mir, dass jeder das auch ausdrückt. Nicht nur in Bezug auf Information, sondern vielmehr in dem Sinn, was ihm für sein Leben wichtig ist. Und weil wir Architekten sind, zählt nicht nur die Diskussion, sondern auch, dass diese Vorstellungen einen neuen Typ von öffentlichem Raum oder Landschaft erzeugen.

Das von Ihnen designte Rolex Learning Center in Lausanne bietet einen sehr fließenden Raum an. Welche Art von Raum ist am besten zum Lernen geeignet?

Beim Rolex Learning Center stellte uns der Wettbewerb die Aufgabe, eine neue Form von Lern-Raum zu entwickeln. Wir schlugen vor, ihn nicht durch Wände zu teilen, sondern einen großen Ein-Raum zu entwickeln, der nur ein Geschoß hat. Diese Ebene hoben wir auf, sodass die Menschen auch durchgehen können und sich dem Zentrum des Gebäudes automatisch annähern. Tatsächlich ist es nur ein einziger, riesiger Raum. Öffentlicher Raum bedeutet, dass man den Raum mit anderen Menschen teilen kann, aber ebenso wichtig ist es, dass jeder seinen eigenen privaten Raum finden kann. Ich wollte also einen Raum erzeugen, der privat ist, aber gleichzeitig mit anderen Leuten verbunden.

Ich möchte auf Ihr Biennale-Motto zurückkommen: "People meet in architecture". Im März 2011 zerstörte ein katastrophaler Tsunami Teile von Japan. Architekten wie Toyo Ito, Kumiko Inui, Sou Foujimoto, Akihisa Hirata und Sie begannen, "Homes for all" in den teils komplett zerstörten Regionen zu bauen. Das zeigt, wie wichtig es ist, Orte der Begegnung zu schaffen - speziell nach traumatischen Situationen. Verändern Erfahrungen dieser Art die Rolle von Architektur?

Vielleicht. Ich denke, der soziale Aspekt und die Ästhetik sind kein Widerspruch. Wenn ich sage, "people meet in architecture", klingt das, als ob ich ein sehr guter Mensch wäre, der viel über Soziales nachdenkt. Beim Bau des "Home for all" lernte ich viel. Denn die Fischer sagten uns, dass sie ihr Dorf selbst wieder aufbauen wollen. Alles war zerstört und nun fühlen sie sich dafür verantwortlich, ein ideales Dorf für ihre Enkelkinder zu errichten. In diesem Moment realisierte ich, dass wir das Dorf nicht allein bauen können. Bis dahin hatte ich komplett auf die Personen vergessen, die es mit ihren Kollegen und Nachbarn erst schaffen müssen. Und so begannen wir, mit ihnen zu kommunizieren. Ich denke, in solchen Situationen muss jeder etwas beitragen - nicht nur Architekten.

Bei Ihrer Einführungsvorlesung zeigten Sie ein Bild von Ihrem Studio: Man konnte etwa zwanzig Modelle des Rolex Learning Center sehen. Können Sie uns seinen Design-Prozess schildern?