m I Blumen und Ranken, liebevoll ausgeziert. Das Initial kostbar geschmückt. Bildbeigaben mit aller Liebe zum Detail ausgemalt. Hohe Kunst ist es, was die Nationalbibliothek in ihrer Ausstellung "Goldene Zeiten" zeigt. Hohe Kunst war die Buchmalerei oft, aber nicht immer. Mitunter erkennt man auch die Hand eines, ja, gewiss: Könners, der aber etwas mehr will, als er vermag. Doch auch diese Arbeiten belegen, welchen Wert man dem verschriftlichten Wissen zumaß. Man machte es kostbar. Im 2. Jahrhundert kam die Buchmalerei im christlichen Kulturraum auf, im islamischen im 11. Jahrhundert. Ging es nur um die Illustration, um das bildliche Vor-Augen-Führen von Szenen? (Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Frühe Koran-Handschriften kannten durchaus figürliche Darstellungen, lediglich für Allah selbst galt, dass er nicht bildlich erfasst werden durfte.) Wie man ein wertvolles Schmuckstück in eine edle Schatulle bettet, so zeichnete man den Buchstaben, in denen die Weisheit der Welt gebannt war, einen Schrein aus Bildern. Szenenwechsel. Gegenwart. Das Buch wird beim Internetanbieter als Download gekauft, auf den E-Book-Reader geladen und nach der Lektüre gelöscht. Eine private Bücherverbrennung ist es nur deshalb nicht, weil es kein Feuer gibt. Es ist eine Buchlöschung. Wissen ist wohlfeil geworden. Es ist jedem zugänglich, der lesen kann. Ein Niedergang? Ein Fortschritt? Wer wagt, das zu beurteilen? Die Vermittlung des Wissens durch das Medium der schriftlichen Aufzeichnung ist so alt wie die menschliche Hochkultur. Nur war es am Anfang, damals, in Mesopotamien, etwa im 4. Jahrtausend vor Christus, kein besonders gehobenes Wissen. Nichts von Göttern, nichts von Magie, nichts von Jenseitslehre, nichts von alldem, was man aus heutiger Sicht glauben würde, dass es die Menschen jener Zeit hätten weitergeben wollen, wurde in feuchten Ton geritzt oder gedrückt. Ganz pragmatisch war es schlicht Buchführung. Und damit jenes Wissen, aus dem der Alltag dieser Zivilisation bestand. Als ob Zinsen und Darlehen kein weiterzugebendes Wissen wären...! Erst im 24. Jahrhundert vor Christus, in einer Zeit, als Bankgeschäfte längst regelmäßig Eingang in die Tontafelsammlungen fanden, drückten schriftkundige Akkader und Sumerer mit ihren Schreibkeilen den Tontafeln das "Gilgamesch-Epos" ein. Ganz schmucklos war dieser alte Text. Der Wertnachweis bestand darin, überhaupt aufgezeichnet worden zu sein. Ägypter, Griechen und vor allem die Römer machten sich dann daran, ihre Kultur mit Schriftwerken zu begleiten, Philosophie und Recht aufzuschreiben, Religion und Mythen in Buchstaben zu tradieren. Bis ins Mittelalter wurde mit der Hand geschrieben, jede Abschrift war kostbar und kam nur wenigen unter die Augen - zumal ja ohnedies nicht jeder lesen und schreiben konnte. Das Wissen war elitär - und wurde durch die bildliche Ausschmückung in ein elitäres Gewand gekleidet. Und dann kam Johannes Gensfleisch, nach seinem Mainzer Geburtshaus, dem Hof zum Gutenberg, Gutenberg genannt, und alles war anders. Und endlich einmal hatten die Chinesen eine vermeintliche europäische Errungenschaft wirklich nicht Jahrhunderte früher. Obwohl... Aber was sie hatten, hatten im Prinzip auch die Vor-Gutenberg-Europäer: Sie konnten drucken, aber erst der Herr Gensfleisch ermöglichte mit seinem speziellen Gießverfahren für austauschbare Lettern den Massendruck. Und das war’s. Jetzt wurde Wissen erstmals in der Menschheitsgeschichte für alle greifbar. Zu hoch gegriffen? - Gewiss. Aber gegen das Wissen für die Elite war es jetzt tatsächlich Wissen für die Masse. Von der Verbreitung der Bibelübersetzung Martin Luthers bis zu jener der Relativitätstheorie war der Schritt ebenso klein wie von der Erstaufla- ge von Goethes "Werther" zur Erstauflage von Rosamunde Pilchers "Muschelsucher". Ja, sicher, literarisches Junkfood ist auch ein Resultat des Buchdrucks. Mehr noch: Nur der Buchdruck ermöglichte die Aufklärung. Mochte sich der Klerus anfangs auch noch so gegen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und Philosophien stemmen, der Strom des Wissens war nicht mehr aufzuhalten und überflutete alle theologischen Staumauern. Die digitale Revolution ist die Potenzierung davon. Hanns Henny Jahnns Titel seiner genialen Roman-Trilogie könnte dafür stehen: "Fluss ohne Ufer". Noch nie war das Buch so billig. Das E-Book lädt zum schnellen Konsum und schnellen Vergessen ein: das löschbare Buch als ein Gipfel der Wegwerfgesellschaft? Im Internet sind Informationen und Fehlinformationen ununterscheidbar in beliebiger Menge abrufbar. Ob Flashmob oder politischer Umsturz: Die Informationen stehen auf den Bildschirmen ebenso vor Augen wie vernünftiges Argument und hechelnde Hetze. Facebook und YouTube liefern dazu die Bilderfluten. Aus dem Mönch, der eine biblische Szene in eine Initiale malt, ist der User geworden, der den mit dem Handy aufgenommenen Videoclip auf seine Facebook-Seite hochlädt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Bibliotheken der Zukunft die Screenshots von heute ausstellen, als gering einzustufen.