Wien. Die Wiener Philharmoniker, die derzeit ihr Historisches Archiv erweitern, haben neue Recherchen zu ihrer Geschichte online gestellt. "Ambivalente Loyalitäten: Beziehungsnetzwerke der Wiener Philharmoniker zwischen Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, 1938-1970" heißt der Aufsatz von Silvia Kargl und Friedemann Pestel, der auch bisher unbekanntes Quellenmaterial einbezieht. Die vielfältigen, persönlichen wie administrativen Beziehungen des Orchesters mit Protagonisten des NS-Systems "lassen sich aus der besonderen Position der Wiener Philharmoniker als privater Verein im gleichgeschalteten nationalsozialistischen Kulturbetrieb erklären, der seine Struktur, seine Traditionen und seine Spielfähigkeit wahren wollte, zugleich aber mit NS-Machthabern aktiv kooperierte", heißt es in dem 55-seitigen Text.

Der nach 1945 verbreitete Topos der Rettung des Orchesters dank der Kontakte seiner Leitung zu NS-Funktionären erscheint demnach als "verharmlosender Anachronismus": Die philharmonischen Funktionäre agierten unter den veränderten politischen Strukturen nach dem "Anschluss" Österreichs nicht nur, "um den Fortbestand des Vereins zu sichern, vielmehr legten sie die Bindung an das NS-Regime langfristig, über das (siegreiche) Kriegsende hinaus, an". Das Orchester habe propagandistische Instrumentalisierung nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv mitgestaltet.

Vom Nationalsozialismus fließend in Nachkriegszeit

Unter diesem Aspekt sei die Verleihung des Ehrenrings an den Gauleiter Baldur von Schirach zu "Sympathie- und Treuebekundungen der Wiener Philharmoniker" zu zählen, die dafür materiell und symbolisch belohnt wurden. Die Frage, wann welcher Philharmoniker Ende der 1960er Jahre dem verurteilten Kriegsverbrecher den Ehrenring nach München brachte, ist auch aufgrund der neuen Materialien vorerst nicht eindeutig zu klären.

"So wie 1945 eine ‚Stunde Null‘ im philharmonischen Betrieb faktisch nicht stattfand, war der Übergang des Orchesters vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit von personellen und daher auch politischweltanschaulichen Kontinuitäten geprägt", heißt es in der Analyse weiter. "Diese Phase erstreckte sich bis mindestens in die späten 1960er Jahre, in bestimmten Aspekten noch weit darüber hinaus und bedarf weiterer Forschungen."

Das eine Million Dollar betragende Preisgeld des Birgit-Nilsson-Preises wollen die Wiener Philharmoniker wie bekannt für die historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung der Orchestergeschichte und die verbesserte Zugänglichkeit der Archivbestände verwenden. In diesem Zuge werden auch die bisherigen Archivräumlichkeiten im Haus der Musik in Wien vergrößert.