Verschwörungstheoretiker gehen auf eng verwandte Weise zu Werk. So halten sich Kondensstreifen von Düsenflugzeugen bei hoher Luftfeuchtigkeit länger. Damit haben Winde mehr Zeit, sie auf seltsame Weise zu verformen. Manches menschliche Gehirn aber nimmt die falsche Abbiegung und kommt auf den Gedanken, es könne sich um Chemtrails handeln, um Chemikalien, die, aus welchem Grund auch immer, versprüht werden.

Auch die abgestürzten Ufonauten von Roswell sind eine solche falsche Abbiegung im menschlichen Denken - und in diesem Fall spielt auch die "Jurassic Park"-Methode des Ersetzens - nur halt nicht von DNS, sondern von Fakten - eine Rolle. Es stürzt also in jenem Juli 1947 bei der US-amerikanischen Kleinstadt im Bundesstaat New Mexico etwas ab. Das ist unbestritten.

Farmer und Vertreter der örtlichen Behörden kennen weder das Material, noch können sie sich einen Reim darauf machen, zu welchem Objekt die Trümmer gehören könnten. Statt die Unkenntnis als solche zu akzeptieren, versucht nun das menschliche Gehirn, irgendeinen Zusammenhang herzustellen. Dabei wird die falsche Abbiegung genommen, und das außerirdische Raumschiff gilt bald als reale Möglichkeit. Als das mittlerweile eingeschaltete US-Militär zuerst gar nichts sagt und dann klar widerlegbare Behauptungen von sich gibt, werden von den an dem Fall Interessierten diese Löcher des Kenntnisstandes aufgefüllt: Beim außerirdischen Raumschiff war man schon, also ist wohl dessen Besatzung geborgen worden. Und zwar, die Geheimhaltungs- und Vernebelungstaktik macht das deutlich, offenbar lebend.

Als nun das US-Militär später erklärt, es habe sich um einen Spionageballon gehandelt (daher auch die Geheimhaltung, eine entsprechende Erklärung gegenüber den Bürgern von Roswell wäre wohl kaum innerhalb der Stadtgrenzen geblieben, sondern hätte sich zweifellos bis Moskau herumgesprochen), war es längst zu spät. Es liegt in der Natur des Verschwörungstheoretikers, alle anderen Erklärungsmodelle als Teil der Verschwörung zu begreifen. Und die abgestürzten Ufonauten, die ihr Raumschiff zwar quer durch die Galaxis steuern konnten, aber eine simple Landung auf der Erde versauten, mutierten zum modernen Mythos. Mittlerweile ist er unausrottbar.

Literatur der Phantastik


Doch zurück zu Habeck. "Wunderwerke, die es nicht geben dürfte" untertitelt er sein Buch. Und berichtet von Pyramiden in Frankreich, die es durchaus geben darf, denn die eine ist ein Grabmal aus römischer Zeit, die andere ein Bau aus dem ägyptenverrückten 19. Jahrhundert. Er berichtet von den tatsächlich rätselhaften Erdställen, unterirdischen Gängen unbekannter Verwendung, von den Ica-Steinen, die von der Wissenschaft längst als Spielform moderner Volkskunst entlarvt sind, und von alt-amerikanischen Kristallschädeln, die freilich die meisten seriösen Wissenschafter als Fälschungen des 19. Jahrhunderts einstufen.

Und doch haben all die Spekulationen ihren Reiz. Nicht, dass man sie ernst nehmen sollte. Im Gegenteil: Sie machen Spaß. Dann nämlich, wenn man Habecks Buch als eine fulminante Spielart der Phantastik liest, als wörtlich genommene Science fiction: Fabulieren um die Fakten herum.

Dass man dabei die Mechanismen des Denkens, gerade auch des eigenen, immer wieder überprüfen kann und auch den Wert der wissenschaftlichen Kriterien, ist von zusätzlichem Reiz. Nur eines sollte man nicht machen: Die Spekulation an die Stelle der Vernunft setzen. Der Pharao war kein Pilot. Er hat allenfalls einen Vogelflug beobachtet.