Elegante Modell-Aussichten: Ab 2017 könnte am Wien Museum gebaut werden. - © Winkler, Ruck, Certov
Elegante Modell-Aussichten: Ab 2017 könnte am Wien Museum gebaut werden. - © Winkler, Ruck, Certov

Wien. Je älter die Statements, desto mutiger ihr Klang. 2009 rang sich Andreas Mailath-Pokorny, Wiens Kulturstadtrat, zu einer beherzten Absichtserklärung durch: Das beengte Wien Museum solle einen Neubau erhalten; nichts weniger als ein "Rufzeichen der Moderne" schwebte ihm vor.

Viele Jahre sind seither ins Land gezogen, Jahre, in denen die Pragmatik allmählich über die Vision gesiegt hat. 2011 - der Stadtrat wollte eigentlich schon bauen - war noch nicht einmal ein Standort gefunden; man fixierte ihn erst 2013, nach der Schaffung einer zentralen Koordinationsstelle im Rathaus. Weder Morzinplatz noch Hauptbahnhof, so die Festlegung, würden zum Zug kommen, das Haus bleibe am Karlsplatz - womit Langzeitdirektor Wolfgang Kos seinen Wunsch durchsetzen konnte.

"Radikal zurückgenommen"

Die Option Neubau bestand freilich immer noch: Eine Machbarkeitsstudie des Berliner Büros Kuehn Malvezzi hatte dafür einen fünfeckigen Bereich am Plan des Karlsplatzes markiert. Zwei Jahre und einen zweiphasigen Architekturwettbewerb später war aber auch das vom Tisch. Letztstand nun also: Das bullig-nüchterne Wien Museum, eine Nachkriegs-Schöpfung von Oswald Haerdtl, soll lediglich adaptiert werden. So sieht es der Siegerentwurf des Wettbewerbs vor, eine Einreichung der beiden Büros Certov, Winkler + Ruck Architekten: Geplant ist ein Zusatzstockwerk in luftiger Höhe, das gleichsam über dem historischen Bau schweben soll; in der Zwischenetage sollen die Besucher durch verglaste Wände blicken. Vor dem Haus wiederum, beim Haupteingang, ist ein stadelartiger "Filter" geplant. Samt neuem Untergeschoß soll die Nutzfläche des Museums von 6900 auf 12.000 Quadratmeter wachsen.

Im November 2015 wurde dieser Entwurf von einer Jury aus Architekten, Museumsexperten und nicht zuletzt Magistratsbeamten gekürt - ein stiller Triumphator über eine teils deutlich auffälligere Konkurrenz. Matti Bunzl, seit Herbst Direktor des städtischen Museums, lobt die Siegespläne gern mit Worten wie "subtil" und "radikal zurückgenommen".

Ende der Vorwoche blies dem Projekt freilich ein deutlich schärferer Wind entgegen. Das Museum hatte zu einer Podiumsdiskussion über die Pläne gebeten, im Publikum saßen nicht zuletzt die abgewiesenen Architekten: Dem Sieger gebreche es an Mut, murrte man. Kritik kam aber auch von unbeteiligten Dritten. So monierte Christian Kühn, Dekan für Architektur an der TU Wien, eine mangelnde Vorbereitung: Es sei verschlafen worden, den Denkmalschutz des
Haerdtl-Baus zu hinterfragen. Außerdem zweifelte er, ob sich der geplante Überbau in dieser Form realisieren lasse: "Es werden Kunststücke notwendig sein, um diesen Kasten so zu belassen, wie er geplant ist!"

Nicht zuletzt tauchte an diesem Tag aber auch ein pikantes Detail auf: Der geplante Überbau ist nämlich etwas, das behördlicherseits vorab für unmöglich erklärt wurde. So hieß es in den Unterlagen zum Wettbewerb noch: "Eine Aufstockung sowie ein weiterer Anbau an das Bestandsgebäude werden aus Sicht des Bundesdenkmalamtes als nicht möglich erachtet."

Hat das Konsequenzen? In rund einem Jahr könnte das Projekt im Rahmen der Genehmigungsphase auch beim Bundesdenkmalamt (BDA) landen. TU-Dekan Kühn kalmiert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": Was das BDA in solchen Dokumenten angebe, seien keine unwandelbaren Vorgaben. Ein Grund für die Vorbehalte sei hier gewesen, dass die Haerdtl-Wände nicht viel Zusatzlast vertrügen. Das Siegerprojekt (das sich für Kühn "städtebaulich ziemlich wenig artikuliert") habe dafür aber eine gute Lösung gefunden, indem es die Tragestruktur für den Überbau in den Hof verlegt. Wo sieht Kühn nun aber Probleme? Das Stützsystem, sagt er, könnte aus statischen Gründen womöglich massiver ausfallen als skizziert, das Museum damit weniger elegant aussehen als geplant. An grobe Änderungen wiederum glaubt Roland Winkler nicht, einer der Architekten des Siegerteams: Er rechnet höchstens mit Abweichungen im Zentimeterbereich. Derzeit ist ein musealer Höhenzuwachs von rund zehn Metern angepeilt.

Denkmalamt eingebunden

Was aber meint das BDA dazu? Dort betont man einerseits, im Wettbewerb nicht stimmberechtigt gewesen zu sein. Andererseits erklärt Friedrich Dahm, Abteilungsleiter für Wien, aber, alle 14 Projekte der zweiten Runde auf deren Genehmigungsfähigkeit gesichtet zu haben - und dass darunter vieles gewesen wäre, was dem
Haerdtl-Bau "wehgetan" hätte. Das Siegerprojekt ist für Dahm übrigens "keine Aufstockung, sondern eine vertikale Erweiterung".

Wo liegt der Unterschied? Die Schwebekonstruktion, sagt der Denkmalschützer, würde den Originalbau in seinen Proportionen klar zutage treten lassen, ja, sogar akzentuieren. Auch statisch würde es keine Probleme geben, hätte ein zugezogener Experte versichert. Grundsatzfrage: Ist der Haerdtl-Bau aber wirklich schützenswert?
"Haerdtl war einer der Großen der Nachkriegszeit", begründet Dahm, und: In dieser Zeit hätte Wien praktisch keine Museen mehr gebaut.

Ein Umstand, an dem sich nun wieder nichts ändern wird.