Sensationsfund: Otto Griebels "Die Verschleierte", Erich Fraaß’ "Mutter und Kind", Marc Chagalls "Allegorische Szene" und Wilhelm Lachnits "Mädchen am Tisch" (v. l. oben, Uhrzeigersinn) . - © Staatsanwaltschaft Augsburg
Sensationsfund: Otto Griebels "Die Verschleierte", Erich Fraaß’ "Mutter und Kind", Marc Chagalls "Allegorische Szene" und Wilhelm Lachnits "Mädchen am Tisch" (v. l. oben, Uhrzeigersinn) . - © Staatsanwaltschaft Augsburg

Am Anfang seiner NS-Zeit steht das Aufbegehren. Hildebrand Gurlitt hat die Hakenkreuzfahne nicht gehisst, als die Nazis am 1. Mai 1933 den Tag der Arbeit feiern. Ein Affront mit Folgen. Kurz darauf muss er als Leiter des Kunstvereins Hamburg zurücktreten. Sein Sessel hat ohnedies gewackelt. Der glühende Verehrer der Moderne war bereits öfter mit den Nazis zusammengekracht. Auch hatte er wegen dieser Gesinnung den Chefposten am Kunstmuseum Zwickau verloren. War jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht?

Es gehört zu den großen Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet Gurlitt, dieser Avantgarde-Freund und Nazigegner, alsbald zum skrupellosen Profiteur des NS-Staats avancierte - gerade aufgrund seiner Kenntnisse. Als Handlanger der Braunhemden konnte er eine Sammlung aufbauen, die erst Jahrzehnte später, 2013, ans Licht der Öffentlichkeit gelangte - und als "Schwabinger Kunstfund" einen Raubkunstskandal bisher unbekannten Ausmaßes auslöste.

Gedächtnis nicht anstrengen

Die wechselvolle Vita von Hildebrand Gurlitt und sein Hort sind Gegenstand zweier neuer Sachbücher. Zum einen ist dies "Gurlitts Schatz" von Catherine Hickley, das bereits im Vorjahr auf Englisch erschienen ist. Intensiv recherchiert, aber ohne roten Faden, reiht es Geschichten von Opfern und Tätern aneinander. Besser gegliedert (und formuliert) ist der Band von Meike Hoffmann und Nicola Kuhn. "Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt" heißt er und konzentriert sich auf den umtriebigen Sammlungsschöpfer. Warum begann dieser Spross einer kunstsinnigen Familiendynastie und "Vierteljude", für Hitler zu arbeiten? Wie mehrte er dabei seine eigene Sammlung? Und wie konnte er sich nach dem Krieg noch in den Spiegel sehen? Die Autorinnen beleuchten dies anhand einer Fülle von Briefen, Akten und anderer Quellen. Angereichert mit historischen Hintergründen, zeichnen sie ein Sittenbild des Nazi-Kunstraubs und der nachherigen Verdrängungskultur. Als Gurlitt 1956 nach einem Autounfall stirbt, ist er ein angesehener Mann. Man solle "sein Gedächtnis nicht überanstrengen", schreibt er einmal. Der Meinung sind viele.

1933 glaubt Gurlitt noch, sich durchlavieren zu können. Als Museumsdirektor zwar unmöglich geworden, macht er sich nun als Galerist für die Moderne stark. Doch auch da wird das Eis dünn: 1937 beginnt der systematische Kampf gegen "entartete Kunst"; deutschen Museen wird sie entzogen. Ein Teil dieses Staatsbesitzes soll im Ausland Devisen bringen. Dafür dient sich nun Gurlitt an, der Kenner mit den guten Kontakten - und beginnt eine Karriere, bei der laut Hickley allmählich der Geschäftssinn über die Gesinnung siegt. Gurlitt nimmt die Werke nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in Kommission. Er selbst kauft sie den Nazis mit Devisen ab und erzielt im Ausland hohe Gewinnspannen. Die Not der Avantgardefreunde nutzt er geschickt, bietet Museen im Tausch für Modernes arglose Klassiker. Und: Er kauft bei jüdischen Sammlern, die ihre Flucht mit Notverkäufen finanzieren.

Letztes Kapitel noch offen

Zum Chefeinkäufer für Hitlers geplantes "Führermuseum" in Linz geadelt, schöpft er dann in Frankreich aus dem Vollen, streicht hohe Gewinne ein und Meisterwerke. Die weiß er, auch nach dem Krieg zu schützen, bunkert sie in unzähligen Depots, erhält Beschlagnahmtes durch falsche Angaben zurück. Ein Entnazifizierungsverfahren wird niedergeschlagen - wieder helfen die guten Kontakte, nun durch Leumundzeugnisse. Es zählt zu den Pikanterien dieses Lebens, dass Gurlitt nach dem Krieg abermals zum Museumschef aufsteigt (in Düsseldorf) - und Ausstellungen durch Leihgaben aus seinem eigenen Fundus veredelt.

Nach seinem Tod wird es still um diese Werke. Die Witwe blockt Nachfragen ab; Sohn Cornelius lebt eremitisch mit und wohl auch von den Bildern. Als ihn die Steuerbehörde ans Licht zerrt, schreit er, nichts herausgeben zu wollen. Kurz vor seinem Tod 2014 willigt er doch ein, die Sammlung auf Raubkunst prüfen zu lassen. Wie mühselig sich solche Fälle für die Opfer-Erben gestalten, ist vor allem in Hickleys Buch nachzulesen.

Wobei das letzte Kapitel noch nicht geschrieben ist. Erst fünf Werke wurden zweifellos als Raubkunst identifiziert; rund 500, ein Drittel des Fundus, gelten als suspekt. Unklar auch, ob wirklich das Kunstmuseum Bern die unbedenklichen Bilder erhalten wird: Cousine Uta Werner bekämpft weiterhin das Testament Cornelius Gurlitts.