Jesidischen Frauen und Kindern, denen die Flucht nicht gelingt, steht im IS ein unbeschreibliches Martyrium bevor.
Jesidischen Frauen und Kindern, denen die Flucht nicht gelingt, steht im IS ein unbeschreibliches Martyrium bevor.

Jesiden wenden sich zum Beten der Sonne entgegen und verehren Melek Taus. Gottes erhabenster Engel wird von einem Pfau dargestellt, weil dessen strahlenförmige Federn an die Sonne erinnern. Als Gott seinen sieben Engeln befahl, vor Adam niederzuknien, verbeugte sich Melek Taus nicht. Jesiden glauben, dass er damit Gottes Prüfung bestand, denn da seine Liebe Gott allein gehört, verbeugt er sich vor keinem anderen. Für Muslime ist Melek Taus der Gebieter der Hölle, da er Gott den Gehorsam verweigerte. Dieses Missverständnis, so erfuhr es Farida Khalaf von ihrem Großvater, begründet die jahrhundertealte Verfolgung der Jesiden durch radikale Muslime.

Drei Mädchen erzählen in Co-Autorschaft mit Journalisten, wie im August 2014 ihre Heimatdörfer am Fuß des Sindschar-Gebirges im Nordirak vom sogenannten Islamischen Staat überfallen wurden. Farida ist ihr richtiger Name. Die anderen beiden Mädchen nennen ihre Namen nicht, auch um ihre Familien zu schützen. Für Jesidinnen ist es nicht leicht, Opfer zu sein. Eine Frau, die entführt oder vergewaltigt wurde, ist nach dem Ehrenkodex der Jesiden in der Gemeinschaft entehrt.

Die Fehden zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen spielen dem sunnitischen IS in der Region in die Hände. Die sunnitische Minderheit fühlt sich seit dem Sturz Saddam Husseins unterdrückt. Auch deshalb gelang es dem IS, im Sommer 2014 in Windeseile nordirakische sunnitische Städte wie Mossul einzunehmen.

Auf dem Land, am Fuß des Sindschar-Gebirges, das bereits zum Kurdengebiet gehört, leben die meisten Jesiden. Dort fühlte man sich lange zu weit weg und zu unwichtig, um in Gefahr zu sein. Es gibt kein Öl und kein Gold und man stand unter dem Schutz der kurdischen Peschmerga-Kämpfer.

Jesiden sind Kurden, das eine ist ihre Religion, das andere die Volkszugehörigkeit. Peschmerga heißt auf Kurdisch: die Männer, welche den Tod nicht fürchten. Die Kämpfer hatten den Jesiden, wie auch den Christen, die im Nordirak leben, versprochen sie zu beschützen. Die meisten vertrauten darauf und blieben deshalb in ihren Dörfern. Aber als die Stadt Sindschar, das Ballungszentrum der Region, vom IS eingenommen wurde, waren alle Peschmerga von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Die Erzählungen decken sich in allen drei Geschichten. Die muslimischen Nachbarn, mit denen man bisher in Freundschaft zusammengelebt hatte, erschienen gemeinsam mit vermummten IS-Kämpfern auf nagelneuen Pick-ups in den Dörfern. Die Familien wurden zusammengetrieben. Als sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren, wurden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt. Die Ermordung der Männer in Faridas Dorf Kocho ist inzwischen von den Vereinten Nationen als Völkermord eingestuft. Die verheirateten Frauen wurden mit ihren Kindern nach Tal Afar, einer Stadt östlich des Sindschar-Gebietes, Richtung Mossul, gebracht. Jinan und Shirin hingegen kamen beide ins Gefängnis Badusch in der Nähe Mossuls.

Die einzige jesidische Abgeordnete im irakischen Parlament, Vian Dakhil, wurde von einigen Frauen verständigt, die mutig genug waren, ihre Handys nicht abzugeben. Das Gefängnis wurde bombardiert, um das Tor zu zerstören, doch die Rettungsaktion scheiterte.

In Gefangenschaft werden die unverheirateten Mädchen nach und nach aussortiert. Die Buben werden in Koranschulen gebracht, dort zum Islam bekehrt und zu Kindersoldaten gemacht. Menschen werden wie Waren sortiert. Die jungen Frauen waschen sich nicht mehr, um möglichst abstoßend zu sein.

Farida, Shirin und Jinan schildern, wie IS-Terroristen zu den Sklavenmärkten kommen, um sich Mädchen auszusuchen. Für 60 Dollar bekommt man eine Jesidin. Unverheiratete Mädchen wie Farida und Shirin werden auf den Sklavenmärkten als Jungfrauen zu besonders hohen Preisen verkauft. Von den IS-Terroristen, ihren "Besitzern", werden die Mädchen als Sklavinnen gehalten und wenn die ihrer überdrüssig sind, wie Gebrauchsgegenstände verkauft oder weiterverschenkt.

Die Torturen der Mädchen geben Einblicke in einen Staat, der keiner ist: Ungläubige müssen um jeden Preis bekehrt werden. Nur eine Muslima kann verheiratet werden. Die Mädchen und Frauen werden gequält, bis sie sich zumindest zum Schein an muslimischen Gebeten beteiligen. Es gibt ein Finanzamt, das am Menschenhandel der Jesidinnen mitverdient. Irakische Kämpfer haben laut Scharia-Gesetz das Recht auf drei Jesidinnen, Männer aus der Türkei, Syrien und den Golfstaaten auf mehr.

Alle Frauen bestätigen, dass die Terroristen nicht nur aus dem Nahen und Mittleren Osten stammen: Turkmenen, Iraker, Syrer, Ägypter, Tunesier und Saudis, aber auch Deutsche und Amerikaner kämpfen für den IS. "Unsere Leute vom IS sind von überall auf der Welt", prahlt ein Terrorist über Shirins potenzielle Heiratskandidaten. Jinan gehört mit ihrer Familie zu denjenigen, welche zuerst die Flucht in die Berge geschafft hatten. Vom IS doch noch gefangen, wird sie in eine Villa verkauft, die ehemals Jesiden gehörte, in einem kleinen Ort im Nordirak. Dort findet sich die Führungsriege des "Kalifats" auf ihrem Weg von Syrien in den Irak zum gemeinsamen Essen ein. Bekocht werden sie von Jinan und anderen jesidischen Sklavinnen. Sie war bereits verheiratet und ist die Einzige, die während ihrer Gefangenschaft einer Vergewaltigung entkommt. "Ungläubige" Frauen dürfen in der Ideologie des IS vergewaltigt und als "Eigentum" gehalten werden. Es ist ein Instrument der Kriegsführung, denn damit werden nicht nur die Frauen, sondern gleichzeitig ihre Familie und ihre Gemeinschaft entehrt.