Ein Theater wird zum Gerichtshof: Das brut beherbergt im Künstlerhaus das "Kapitalismustribunal", eine Kunstaktion des Berliner Haus Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung. - © brut Wien
Ein Theater wird zum Gerichtshof: Das brut beherbergt im Künstlerhaus das "Kapitalismustribunal", eine Kunstaktion des Berliner Haus Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung. - © brut Wien

Wien. London, 1966. Der britische Nobelpreisträger Bertrand Russell beruft das erste einer Reihe von Tribunalen ein - und verklagt die USA wegen deren Kriegsverbrechen in Vietnam. Der fingierte Schauprozess vermag zwar die Verbrechen nicht zu sühnen, erregt jedoch die Weltöffentlichkeit. Der Intellektuelle, der sich einmischt, wird in den 70er Jahren zu einem Rollenmodell. An den Gestus des "J’accuse" will nun die groß angelegte Kunstaktion des "Kapitalismustribunals" wieder anknüpfen: Vom 1. bis 12. Mai tagt die Instanz im Wiener brut (Programm und Ablauf siehe Kasten).

Die Aktion und der soeben im Passagen-Verlag erschienene Begleitband "Rotes Buch des Kapitalismustribunals" wollen Nachdenkprozesse in Gang setzen. Die Arbeitsthese: Die Spielregeln der Gesellschaft sind veränderbar, der enthemmte Turbokapitalismus lässt sich eingrenzen; eine bessere Welt ist machbar, wenn wir nur wollen. Diese zuletzt etwas in Misskredit geratenen utopischen Grundsätze will die Kunstaktion reanimieren.

"Alternativen benennen"

Das Projekt wurde von der deutschen Journalistin Alix Faßmann und dem Dramaturgen Anselm Lenz im Rahmen ihres Berliner Netzwerks "Haus Bartleby - Zentrum für Karriereverweigerung" und internationalen Partnern wie dem Club of Rome ins Leben gerufen. Die Juristen, Ökonomen und Philosophen, die sich in Wien versammeln, berufen sich auf ein zentrales Dilemma der Gegenwart: Geltendes Recht und menschliches Rechtsempfinden klaffen mitunter auseinander. "Während die sozialen Widersprüche zunehmen, wächst das Leiden (in den armen Ländern) und das Unbehagen (in den wohlhabenderen)", stellt der Autor Ilija Trojanow in einem Beitrag im Begleitband fest. "Es ist an der Zeit, Alternativen zu benennen."

Die Kunstaktion "Kapitalismustribunal" verhandelt die mutmaßlichen Verbrechen des europäischen Kapitalismus. Im Vorjahr fanden Vorverhandlungen statt, jedermann konnte Eingaben machen, bis dato sind 400 Fälle eingegangen. Im Dezember 2015 kam es in Berlin bei einer Konferenz zur Prozessordnung des "Kapitalismustribunals".

Die erste Gerichtswoche findet nun vom 1. bis 12. Mai 2016 im Wiener brut statt, 250 eingereichte Anklagen sollen zur Sprache kommen. Die Gerichtswochen sind so aufgebaut, dass von 12 bis 17 Uhr jedes Gerichtstages die Einzelfälle, gegliedert nach sieben Themenfeldern, verhandelt werden. Jede Anklageschrift wird verlesen, es kommt zur Gegenrede der Verteidigung, eine Jury ist anwesend, eine Richterin moderiert die Veranstaltung. Ein Videostream überträgt die Verhandlungen live im Netz. Am Abend findet jeweils eine öffentliche Diskussion statt. Alle Veranstaltungen finden bei freiem Eintritt statt.

Nach den Mai-Prozessen werden die Ergebnisse auf kapitalismustribunal.org veröffentlicht. Die "Urteilsfindung" soll im November im Wiener Werk X über die Bühne gehen.

Samstag, 7. Mai: Medien und Bildung im Kapitalismus

Sonntag, 8. Mai: EU/UN, Nation

Montag, 9. Mai: Planet Erde

Dienstag, 10. Mai: Emergenz und die Gärten des Rechts

Donnerstag, 12. Mai: Party, 21 Uhr. Info: www.brut-wien.at.

Buchtipp: "Zur Revolution der ökonomischen Rechte (Das rote Buch)". Hrsg. v. Haus Bartleby, mit Texten von Alain Badiou, Ilija Trojanow u.a., Reihe Passagen Thema, 160 Seiten, 18,10 Euro.

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