Los Angeles. Ein Raunen geht durch den abgedunkelten, prall gefüllten Saal, als Kady Lone die Bühne betritt. "Oh mein Gott, so süß! Sie ist so süß!", flüstert Heather Smith. Ihr Staunen, die aufgerissenen Münder und die Bewunderung im ganzen Publikum gelten aber nicht der groß gewachsenen Lone, die sich aufs Podium setzt, sondern deren Katze Pudge.

Gleich wie Heather Smith aus Dallas waren viele Verehrer von Pudge an diesem Sonntag schon früh auf den Beinen, um die Internet-Berühmtheit - sie hat auf Instagram mehr als 600.000 Fans - live zu erleben. Um das halbe Hochhaus zog sich die lange Schlange an Besuchern, die bereits eine halbe Stunde vor der Öffnung der CatConLA auf Einlass drängten. Mehr als 15.000 Besucher zieht der jährliche Katzen-Event im kalifornischen Los Angeles, eine Mischung aus Messe und Symposium, an zwei Tagen an.

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- © CatConLA
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Pudge, den Star, beeindruckt der Hype kaum. Sie liegt längs auf den Oberschenkeln ihrer Besitzerin, die Pfoten zeigen über die Knie ihrer Besitzerin hinunter in Richtung Publikum. Die Katze legt ihren rot-schwarzen Kopf auf ihre weißen Vorderbeine und schaut, mit gleichgültig-gelangweiltem Blick, in die Menge. Dort sieht sie die blonde Heather und viele andere aufgeregte Frauen und Männer in Kleidung mit Katzen-Prints in allen Größen und Formen; sie haben Katzen-Tattoos auf ihren Oberarmen, tragen Katzen-Handtaschen und schmücken ihren Kopf mit Katzenohr-Haarreifen, die silbern oder pink glänzen. Manche der Ohren ähneln in Wirklichkeit mehr denen von Eseln, und Pudge rümpft kurz die Nase.

- © CatConLA
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Auch wenn Pudges zweibeinige Mutter Kady Lone an diesem Tag eindeutig die zweite Geige spielt (die Veranstaltungsregie schneidet ihr auf den großen Leinwänden neben der Bühne den Kopf ab und zeigt nur Großaufnahmen von Pudge auf ihrem Schoß) - völlig desinteressiert sind Heather und die anderen Besucher an der jungen Frau nicht. Denn Lone, gemeinsam mit ihrem Kollegen Eli Omidi von "Cats of Instagram" (6,3 Millionen Follower) und Chelsea Marshall, Tier-Redakteurin des Internet-Portals "Buzzfeed", erklären den Unterschied zwischen einer lediglich süßen Katze und einer wahren Internet-Sensation.

- © CatConLA
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Offenbar gibt es eine Menge an Katzenhaltern wie Heather, die davon träumen, dass ihr Tier in den heiligen Kreis der im Internet am meist geklickten und geteilten Katzen aufsteigt. Sie lauschen gespannt. Die Liste der Anforderungen für die Katzen-Berühmtheit von morgen ist lang. Das Tier soll gefühlvolle Augen haben, eine süße Zunge, außergewöhnliche Pfoten und bezaubernde Geräusche machen. Besondere Kennzeichen - etwa wie der weiße Schnauzer und das flache Gesicht von Pudge - seien sehr hilfreich, aber auch eine bewegende Hintergrundgeschichte, "wenn die Katze viel durchgemacht hat". Grumpy cats - mürrische Katzen - hätten auch überdurchschnittlich gute Chancen, genauso wie Katzen, die viel gähnen.

Aber auch andere besondere Kunstfertigkeiten könnten die Beliebtheit des Tieres steigern, wenn sie etwa "interessanten Unfug mit Kisten machen". Und bitte: Bei allem immer authentisch bleiben, bloß nicht die Katze zu irgendetwas zwingen.

Schnurrende Internet-Stars

Heather findet nach den ersten Ausführungen, dass ihre in Dallas verbliebene Katze das Zeug zum Star hat. Ihre Hoffnungen erhalten einen Dämpfer, als die Sprecher am Podium weiterreden. "Es tut mir leid", sagt Marshall von "Buzzfeed", "das sind nur die Grundvoraussetzungen. Einen viralen Hit kann man nicht inszenieren", erklärt die Journalistin. All die Aufnahmen, die Katzenliebhaber auf der ganzen Welt entzücken, seien auf natürliche Weise passiert.

Lone und Omidi werfen ein, dass die Luft im Katzen-Celebrity-Himmel dünn sei und hinter jeder erfolgreichen Katze jede Menge Arbeit stecke. "Cats of Instagram" postet sechs Mal am Tag, sie sehen täglich hunderte Einreichungen durch. Und nur eines von mehreren hundert Fotos, das Lone von ihrer Star-Katze schießt, fange die gesamte Ausstrahlung und Emotionen von Pudge ein. "Erwarten Sie nicht, dass sich der Erfolg von heute auf morgen einstellt", warnt Omidi schließlich.

Nicht bei allen kommen die Ausführungen der drei auf der Bühne gut an. Ihnen wird Realitätsferne und Egoismus vorgeworfen. "Ihr habt keine Ahnung, was da draußen wirklich los ist", sagt eine Frau, die ein Katzentierheim betreibt. "Es gibt einen riesigen Bedarf an Katzen-Adoption, und viele Tierheime wünschen sich nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, den ihr habt." Lone gibt ihr recht, aber sie würde sich sehr wohl auch im Katzen-Charity-Bereich engagieren. Omidi fragt, ob ihr Katzenheim denn in den sozialen Medien vertreten sei und so Unterstützer finde. Nein, antwortet die Frau im Publikum. "Hm, ich verstehe, es fehlen die Ressourcen dafür", sagt Omidi mit bedauerndem Blick. Da beißt sich die Katze offenbar in den Schwanz.

Immerhin eint Publikum und Podium die Freude darüber, dass Katzen im Internet wesentlich beliebter sind als Hunde. "Cats of Instagram" etwa hat doppelt so viele Follower wie "Dogs of Instagram".