Islamkritik und die Islamophobiekeule

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat es zu spüren bekommen. Im Februar schrieb er in der "New York Times" und im "Le Monde" zwei Artikel, "Die sexuelle Misere der arabischen Welt" und "Köln als Ort von Phantasmen". Die sexuellen Übergriffe in Köln oder am Tahrir-Platz in Kairo, während und nach dem Arabischen Frühling, sind für ihn der Ausdruck einer krankhaften Beziehung zu Frauen, die sehr wohl mit dem Islam zu tun hat (ähnlich wie es in Europa mit dem Christentum vor 1968 war, hätte er hinzufügen können). Gleich nach den Veröffentlichungen von Daouds Artikeln brachte "Le Monde" die Antwort eines Autorenkollektivs, bestehend aus zwölf Akademikern. Daoud wird darin sofort (mit Boualem Sansal) der Islamophobie beschuldigt: Er soll die sexuelle Gewalt bloß mit rassistischen Augen gesehen haben.

Historiker, die sich mit der französischen 1968er-Bewegung beschäftigen, wissen, wie bedeutend der Bericht über "Die sexuelle Misere unter Studenten" war. Er wurde 1966 von der Situationistischen Internationale verfasst und verlangte zunächst die Abschaffung der Trennung zwischen Männern und Frauen in den Studentenheimen. Die Bewegung startete dann mit der Solidarität bei den Arbeitern. Kommt bald auch eine sexuelle Revolution in jenen Ländern, in denen der Islam so stark ist? Der Fall aus 1907 mit den "Platten" in der Silvesternacht zeigt, dass Sexualität und Politik verwoben sind.

Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen ereignen sich sozusagen zweimal, schrieb Marx in Anlehnung an Hegel. "Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." Wenn man diese beiden Silvesternächte von Wien und Köln betrachtet, war es zwei Mal eine Tragödie. Für die beteiligten Frauen und für unsere Gesellschaft.

Zum Autor

Jérôme Segal

ist Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft und Assistenzprofessor an der Paris-Sorbonne.