Grün sind die Produkte der Neo-Artamanen und braun ihre Gedanken. Die Bauernbewegung, die seinerzeit den Reichsführer SS Heinrich Himmler und den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß zu ihren Mitgliedern zählte, ist auferstanden. Die Toskana der grünen Braunen ist Mecklenburg-Vorpommern. Eine Grafik der Hamburger Morgenpost verzeichnete jüngst mehr als dreißig Neo-Artamanen-Höfe. Vor ein paar Jahren sprachen deutsche Beobachter der völkischen Bauern noch von zwei Dutzend Höfen.

Ideologie und Ackerbau

Mitte der 1920er Jahre entwickelten der gelernte Landwirt Bruno Tanzmann und der Naturwissenschafter und Rassetheoretiker Willibald Hentschel die Idee der Artamanen, der "Erneuerung des Volkstums aus Blut, Boden, Sonne und Wahrheit". Ob die Bezeichnung aus dem Indischen abgeleitet ist, wie der ursprüngliche Name "Bund Artam" nahelegt, oder sich vom Althochdeutschen "art" für Ackerbau und "manen" für Männer ableitet, ist ungeklärt. Wesentlich eindeutiger ist da schon der Wahlspruch: "Gläubig dienen wir der Erde und dem großen Stirb und Werde" - wobei der Glaube wenig mit Gott zu tun hatte, sondern einer an Sippe, reines Blut und das Feld war, auf dem die deutsche Kartoffel wächst.

Die Artamanen entstammten nicht Bauernfamilien, es waren städtische Bürger, die sich auf die völkische Agrarromantik einließen. Bei den Großbauern in Mecklenburg-Vorpommern verdingten sie sich, einerseits, um Ackerbau und Viehzucht zu erlernen, andererseits, um gezielt die polnischen Landarbeiter zu verdrängen. In der Folge siedelten sie sich in diesen Gebieten an, errichteten Höfe oder übernahmen bestehende, indem sie in die Bauernfamilien einheirateten. Koppelow im Landkreis Rostock bauten sie zur Mustersiedlung aus. Wenn die Feldarbeit getan war, machte man sich an die Arbeit für die NSDAP.

"Solange ein Pflug deutsche Scholle bricht, stirbt Deutschland nicht", war ein Motto der Artamanen. Himmler fand Gefallen daran. Er plante, die Artamanen in den Ostgebieten anzusiedeln, sobald diese durch das Vorgehen gegen die Slawen entvölkert wären. 1934 übernahm die Hitlerjugend kooperativ die völkischen Bauernsippen. Der Kriegsverlauf und spätestens die Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 brachte das Ende der völkischen Bauern, ihre Höfe verkamen.

Als um das Jahr 1990, ausgehend von Teterow und Güstrow (beides Mecklenburg-Vorpommern), junge Menschen die Höfe renovierten und zu bewirtschaften begannen, hieß man sie willkommen. Die Dorfgemeinschaften waren durch Abwanderung in die Städte überaltert. Jetzt, auf einmal, schien frischer Wind zu wehen. Und es war ein Bio-Wind. Dass viele der grünen Neo-Bauern eine tiefbraune Vergangenheit bei der Wiking-Jugend hatten, die dann 1994 verboten wurde, wusste man nicht. Vielleicht wollte man es auch gar nicht wissen.

Doch unter dem Deckmantel von Bio-Bauernhof und Öko-Siedlung entwickelten die Neo-Artamanen eine Parallelgesellschaft, die mit Aussteigerromantik und Zurück-zur-Natur allein längst nicht mehr erklärbar ist. In Kindertagesstätten und Schulen etwa fällt auf, dass die Buben aus diesen Familien ein außerordentlich dominantes Verhalten an den Tag legen, während die Mädchen überangepasst sind. Zahlreiche Familien sind vaterrechtlich organisiert und entsprechen damit eher der Sippe als der herkömmlichen Familie. Auf jeden Fall herrschen die alten Rollenbilder vor, der Mann ist das Oberhaupt, die Frau steht am Herd, ist Arbeitshilfe - und vor allem Mutter. Geheiratet wird nur in der Gemeinschaft. Spätestens hier verfließt die Grenze zur fundamentalistisch religiösen Sekte. Doch um eine Sonderform des religiösen Lebens geht es den Neo-Artamanen so wenig wie ihren Vorbildern - es sei denn, man spricht Blut und Boden Kultpotenzial zu.

Tatsächlich missionieren die Neo-Artamanen auf eine Weise, die man sonst nur von Sekten kennt. Man ist untereinander vernetzt, bleibt im Familienleben und beim Anknüpfen von Beziehungen unter sich, integriert sich aber in die Gemeinschaft - und zwar außerordentlich gut. Vorbild will man sein, Nacheiferer findet man auf diese Weise leichter. So organisiert man etwa Fahrgemeinschaften und engagiert sich in der Kinderbetreuung. Auch Feste richtet man aus, die sich an den neo-heidnischen Praktiken orientieren. Tanzfeste um den Maibaum, Sonnwendfeiern und Erntedank sind zwar in dörflichen Gemeinschaften bekannt, doch die Neo-Artamanen sprechen ihnen eine neue, höhere Bedeutung zu. Wer will es den restlichen Bewohnern verdenken, wenn sie die Feste mitfeiern, wie sie fallen?

Umgekehrt können die Neo-Artamanen an dem von den Kommunen organisierten Handel teilhaben. Sie verkaufen ihre Produkte auch auf Wochenmärkten und ähnlichen Veranstaltungen. Fleisch, Milch, Gemüse und Honig bieten sie an, auch Kunsthandwerk, alles oft in, ja, es sei einbekannt, überragender Qualität.

Dass sie vehement für "Volksgesundheit und Umweltschutz" eintreten, macht sie auf einen ersten oberflächlichen Blick sympathisch - aber schon 1973 legte das sogenannte Düsseldorfer Programm der NPD auf genau diesen Passus besonderen Wert. So steckt denn auch hinter den "gentechnikfreien Zonen" der Neo-Artamanen mehr als die Absage an die Gentechnik, und wenn sie ökologische Baustoffe für gesundes Wohnen" anbieten, geht es ihnen nicht nur um die Öko-Baustoffe selbst.

In der Nische angekommen

Selbstverständlich tun sich die Neo-Artamanen auch im Tierschutz hervor. So führen sie eine Kampagne gegen das Schächten. Diese religiös fundamentierte Schlachtpraxis von Juden und Muslimen wird zwar von der politisch unverdächtigen AG Tierrecht ebenfalls verurteilt. Am Unterschied der Begründungen erkennt man freilich die geistige Ausrichtung. Während die AG Tierrecht argumentiert, das Verbluten eines Tiers ohne Betäubung sei Tierquälerei, sprechen die Neo-Artamanen von "artfremder" Schlachtung.

Für den Konsumenten, aber eigentlich schon für den Einkäufer für den Bio-Laden, ist die Unterscheidung zwischen dem normalen grünen Bio und dem neuen braunen Bio praktisch unmöglich geworden. Genau das war das Ziel der Neo-Artamanen. Grün getarnt, ist das braune Gedankengut in der modischsten Nische der heutigen Gesellschaft angekommen.