Wien. Zu wenig wurde in den vergangenen Tagen über Kunst geredet, zu viel über Vorwürfe, rekapitulierte der Kulturminister. Ein Zustand, den Thomas Drozda nicht mehr länger dulden wolle. Also gab er am Mittwoch seine Entscheidung über die Zukunft des Belvedere bekannt. Die amtierende Direktorin Agnes Husslein wird nicht verlängert, die Ausschreibung für die Doppelspitze des Museums ab 1. Jänner 2017 wird wiederholt. Der Kuratoriumsvorsitzende Hans Wehsely wird vorübergehend abgelöst von Sektionschefin Andrea Ecker. Die restlichen Kuratoriumsmitglieder bleiben - vorerst. Die freigestellte Prokuristin Ulrike Gruber-Mikulcik, die als Whistleblower der Compliance-Vorwürfe gegen Husslein gilt, wird gekündigt - der "objektive Grund" laut interimistischem kaufmännischen Geschäftsführer Dieter Bogner: Durch die Schaffung seines Postens falle die Arbeit für die Prokuristin weg. Drozda wiederum merkte an, dass er im Sinne des Vier-Augen-Prinzips auch eine Mitschuld bei der Prokuristin sehe, die die kritisierten Rechnungen Hussleins abgezeichnet hat.

Scharfe Kritik an Kuratorium

Die Ausschreibung soll kommende Woche starten, die Frist ist mit Mitte September angesetzt. Der Minister hofft, Ende September bereits eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger Hussleins inklusive neuem kaufmännischen Direktor präsentieren zu können. Bei der Auswahl soll ein Personalberatungsbüro helfen, eine Findungskommission, wie normalerweise üblich, sei wegen des knappen Zeitplans nicht möglich. Auf die Frage, ob Drozda auch Husslein einlade, sich zu bewerben, reagierte er distanziert: Er lade niemanden ein, aber auch niemanden aus. Husslein wollte am Mittwoch ihre Zukunft nicht kommentieren, der APA teilte sie in einer Stellungnahme lediglich mit: "Ich nehme die Entscheidung von Bundesminister Thomas Drozda mit Bedauern zur Kenntnis."

Unvermutet offen kritisierte Drozda das Belvedere-Kuratorium und die mangelnde Kommunikation zwischen jenem und dem Ministerium - etwa die Tatsache, dass ihm im Anschluss an Kuratoriumssitzungen "nicht einmal ein Protokoll vorgelegt werden konnte". Wieso der Bericht der Wirtschaftsagentur BDO über Hussleins Compliance-Vergehen einen sechsstelligen Betrag (kolportiert werden 130.000 Euro) gekostet habe, sei ihm "unverständlich" und "inakzeptabel". Er betonte, dass das Kuratorium dieses Honorar eigenmächtig beauftragt und verhandelt habe, das Ministerium habe erst danach davon erfahren. Drozdas Erfahrung nach würden solche Berichte oft nicht einmal einen fünfstelligen Betrag kosten. Über den aktuell verlangten Betrag sagte Drozda: "Gehen Sie davon aus, dass diese Summe nicht im Ansatz bezahlt wird."

Das Ministerium stellte auch das von Drozda in Auftrag gegebene rechtliche Gutachten über die Compliance-Vorwürfe zur Verfügung. Demzufolge seien die Vorwürfe gegen Husslein (etwa private "Dienst"-Flüge von Wien nach Klagenfurt) zwar "objektiv grundsätzlich als Untreue zu qualifizieren und sohin geeignet, einen Entlassungstatbestand zu erfüllen." Aber das Gutachten gibt zu bedenken, dass Hussleins Handlungen zumindest zum Teil vom Kuratorium genehmigt waren, und daher keine Entlassung rechtfertigen.

Einheitliche Spitzengehälter

Die Causa Belvedere wird aber weitreichendere Folgen haben: Kulturminister Thomas Drozda hat am Mittwoch angekündigt, dass eine Strukturreform für alle Bundesmuseen eingeleitet wird. Sektionschefin Andrea Ecker soll gemeinsam mit dem ehemaligen Mumok-Direktor Edelbert Köb bis Anfang 2017 ein "Weißbuch" erarbeiten, aufgrund dessen eine Neuaufstellung des Museumsbereichs angegangen wird. Ganz grundsätzlich solle Ecker eine "einheitliche, effiziente, verlässliche und noch schlagkräftigere Struktur" für die Bundesmuseen schaffen. Im Gespräch ist etwa ein gemeinsamer Wirtschaftsprüfer für alle Bundesmuseen, darüber hinaus soll das Berichtswesen vereinheitlicht werden.

Drozda nützte auch die Gelegenheit, der Kritik des Rechnungshofes zu folgen und eine einheitliche Gehaltspyramide für Kultureinrichtungen des Bundes festzulegen. Als Richtwert nannte er 200.000 Euro pro Jahr für die wissenschaftliche Leitung (plus/minus zehn bis 15 Prozent je nach Relevanz der Institution) und 125.000 Euro für die kaufmännische Leitung (plus/minus zehn Prozent). Diese Maßnahme soll dann für alle Neubesetzungen (also auch Verlängerungen)
gelten.