Eine weitere solche Figur, die Heldin aus dem Buch "The Printmaker’s Daughter" ist Katsushika Oei, Tochter des berühmten Japanischen Graphikers Hokusai und auch selbst Meisterin ihres Faches. Ende des 18. Jahrhunderts geboren, ging sie über die "Karte" des denkenden Japans ihrer Zeit hinaus und bekam einen Einblick in die Zukunft durch ihre Begegnung mit dem in Deutschland geborenen Angestellten der Dutch East India Company, Philipp Von Siebold.

Sie hatten keine Bewegung im Hintergrund, keinen "Markennamen", wie der Historiker Andreas Pecar die Aufklärung nennt. Sie führten einsame Kämpfe, kamen mit der Macht in Kontakt, aber blieben doch nur an ihrem Rand, kaum verstanden, bis die Welt zu ihnen aufschloss. Audubon, ein bankrotter Schuft, war in seinem Kanu mit Hund und Waffe ein widerwilliger Prophet, der seine Prophezeiung des Grauens niemals preisgab, da er zu wissen schien, dass die Welt ihn einfach nicht hören konnte. Er malte seine wunderbaren Vögel ohne Schatten.

Auf ähnliche Weise kämpfte Katsushika Oei für ihre Kunst in einem Umfeld, das der Macht von Frauen feindlich gegenüberstand. Als unschön verspottet, arbeitete sie als arme Haushälterin und verwandelte schlussendlich ihre Exzentrizität in Freiheit und verwendete sie, um das Leben von Frauen in dem unterdrückenden Regime zu porträtieren. Sie sah die neue Weltordnung, wurde aber hineingezogen in das Chaos, das diese brachte. Sie verschwand in ihrer Lebenszeit und wurde beinahe von der Geschichte vergessen. Heute gibt es ein erneutes Interesse an ihrem Wirken; es werden Filme über sie gedreht. Sie hinterließ eine Karte, die andere finden und der sie heute folgen können.

Ankämpfen gegen das Zeitalter

Es ist Sinn und Zweck der Literatur, eine Vorstellung davon zu geben, was Individuen dazu brachte, nach vorne zu blicken. Sie verwischen die Grenzen zwischen historischen Zeitaltern. Welche Qualitäten, welche Zufälle bringen solche Charaktere hervor? Was kostet es einen, gegen sein eigenes Zeitalter anzukämpfen? Wer ist Schatten und wer ist Licht?

Neue Karten werden in Europa gezeichnet, von Flüchtenden, die über Gleise und Grenzen ziehen. Durch die Umsiedlung und das Durchmischen von Völkern mit verstreuten Wurzeln werden Überzeugungen tief erschüttert. Neue Denker kommen durch diese Energie hoch. Wir müssen ins Abseits blicken, um sehen zu können, was kommen wird. Müsste ich mir einen "alten" Wert der Aufklärung aussuchen, der uns in neue Zeiten führt, so wäre es die Redefreiheit. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nicht auf andere Stimmen hören.

(Übersetzung von Ernst Lueger)

Zur Person

Katherine Govier

ist eine kanadische Schriftstellerin und Autorin zahlreicher erfolgreicher Romane. Sie eröffnet mit einer Rede zur "Neuen Aufklärung" am 17. August das Europäische Forum Alpbach 2016. Stream ab 17 Uhr unter www.alpbach.org

Das Europäische Forum Alpbach 2016 zum Thema "Neue Aufklärung" beginnt am heutigen 17. August und dauert bis 2. September. Im Web: www.alpbach.org/de/forum/2016/