Burgos. Niemand kann dieses Buch lesen. Dennoch hat der spanische Verlag Siloe in Burgos Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Faksimiles des sogenannten Voynich-Manuskripts auf den Markt bringen zu können.

Benannt ist das Voynich-Manuskript nach dem amerikanischen Antiquar Wilfrid Michael Voynich. Voynich wurde am 31. Oktober 1865 in Hrodna (heute Weißrussland, damals russisches Kaiserreich) geboren. Wegen antizaristischer Aktionen wurde er nach Sibirien verbannt. Von dort gelang ihm die Flucht - zuerst nach London, später ließ er sich in New York nieder.

1912 entdeckte er in der Villa Mondragone, dem Kolleg der Jesuiten in Frascati, jenes Buch, das zuerst ihm und danach bis heute der ganzen Welt ein Rätsel aufgibt: Die Schrift ist so unbekannt wie der Inhalt. Die Illustrationen zeigen Bilderserien von nackten Frauen im Bad, lassen astronomische oder astrologische Zusammenhänge vermuten und beinhalten Darstellungen von Pflanzen - doch die sind, zumindest heute, unbekannt. Die wenigen Ähnlichkeiten zu heute bekannten Pflanzen dürften ein Produkt des Zufalls sein.

Entzifferungsversuche scheitern

Das verwendete Alphabet benützt rund 20 bis 30 Zeichen; bei einigen ist nicht klar, ob es eigenständige Zeichen oder abweichende Schreibweisen aus einem bestimmten Zusammenhang heraus sind. Eine statistische Analyse, die den Voynich-Text mit Texten in bekannten Sprachen vergleicht, legt nahe, dass es sich beim Voynich-Text um eine Sprache handelt und nicht etwa um willkürliche Zeichenfolgen.

Dennoch scheitert bis heute die Entschlüsselung - und zwar vor allem daran, dass der Text keinen konkreten Ansatzpunkt zulässt. Der russisch-US-amerikanische Kryptologe William Friedman kam Ende der 1950er Jahre zum Schluss, der Text des Voynich-Manuskripts sei der Versuch, eine künstliche Sprache zu konstruieren, die auf Prinzipien der Logik und Philosophie aufbaut und nicht auf Versatzstücken aus anderen Sprachen. Das bedeutet, dass eine Entschlüsselung nur möglich ist, wenn die Konstruktionsprinzipien der Sprache bekannt sind - was im Fall des Voynich-Manuskriptes nicht zutrifft.

Dementsprechend gibt es eine Menge von Detail-Beobachtungen und Analysen mehr oder minder statistischer Natur, aber keinen Transkriptions- oder gar Übersetzungsvorschlag, der haltbar wäre. Oder soll das Buch gar nicht verstanden werden? Handelt es sich um einen philosophischen Scherz? - Statt Wissen aufzuzeichnen, ist die Aufzeichnung sinnlos, statt Erkenntnis zu überliefern, wird Inhaltslosigkeit tradiert. Stellt das Voynich-Manuskript anhand seines eigenen Beispiels die Frage, ob auch der Nicht-Inhalt Inhalt sein kann?

Die Geschichte des Buchs ist ähnlich eigentümlich. Vor allem kennt niemand den Verfasser. Experten datieren den Zeitraum der Entstehung auf 1450 bis 1520. Der englische Philosoph Roger Bacon, genannt Doctor Mirabilis, soll einigen zufolge seine Hände im Spiel gehabt haben, und einer der Besitzer des Codex könnte der wunderliche Kaiser Rudolf II. gewesen sein. Nach Voynichs Tod gelangte das Manuskript in die Bibliothek der Yale University, wo es heute zum Bestand der Beinecke Rare Book & Manuscript Library gehört.

Von dort borgte es sich Juan José Garcia, Direktor des Verlages Siloe, aus, um die Faksimiles anzufertigen. Zehn Jahre lange Verhandlungen waren vorausgegangen, ehe der Spanier den Zuschlag erhielt. Die Faksimiles werden das Original in allen Details wiedergeben, also auch mit den Löchern, Rissen und den mehr oder minder fachmännisch ausgebesserten Stellen. Der Verlag setzt zur Reproduktion Methoden ein, die er geheim hält - das passt zu dem geheimnisumwitterten Original. 898 Exemplare sollen dann im Herbst 2017 auf den Markt kommen, der Preis für eines wird nach heutigen Angaben rund 8000 Euro betragen.

Wer freilich nur seine kryptologischen Fähigkeiten erproben will, kann Geld sparen: Das Voynich-Manuskript hat es längst zu einer kompletten Präsenz im Internet gebracht.