Wien. Die Druckerpresse stammt aus 1922. Sie ist eine Einzelanfertigung, genauso wie ihre kleine Schwester an der Wand. "Eberhard Schön Kunstanstalt für Kupferdruck, vorm. J Lamser" steht auf einem schönen, fast quadratischen Schild im Eingang des Hauses Naglergasse 4. "Josef Lamser war einer der besten Kupferdrucker seiner Zeit", sagt Wolfgang Schön. Seine Stimme ist dabei vor Ehrfurcht etwas leiser als sonst. Lamser hatte die Kunstanstalt für Kupferdruck 1922 in Hernals gegründet und 1937 in die Innere Stadt verlegt. Fünf Jahre später kam er unter mysteriösen Umständen in der Alten Donau um. Seine Witwe Leopoldine übernahm den Betrieb und vererbte ihn ihrem Neffen Eberhard Schön, Wolfgangs Vater.

Mit der Tür zur Werkstatt öffnet sich das Tor in eine eigene Welt. Durch hohe Fenster blickt man auf das Treiben am Graben und die Schilder der Luxuslabels. Hier in der Kunstanstalt aber scheint die Zeit still zu stehen. "Die Kupferdruckereien sterben aus", sagt Schön mit leiser Wehmut. "In Österreich gibt es nur noch drei oder vier." Die schweren Druckerpressen, der hoch aufragende Pantograph, der mit schmalen, gelben Papierstreifen behangen ist, Schriftschablonen, Arbeitstische voller Kartons, Farbtiegel, Schaber, Griffel, und ein alter Parkettboden, der vor Druckerschwärze strotzt, verbreiten eine fast mystische Aura.

Als Wolfgang Schön 1973 seine Lehre begann, waren sie hier noch zu viert: sein Vater, der Meister, "meine Mama als Faktotum, die Drucke eingelegt hat und liefern gegangen ist", ein Helfer und er. Es gab viel zu tun: Große Firmen, Banken, Beamte, jeder, der Rang und Namen hatte und jeder, der danach strebte, diesen Eindruck zu erwecken, ließ sich Visitkarten bei der Firma Schön drucken. Auch Briefpapier, Kuverts und Einladungen waren bei Damen und Herren von Welt gefragt. Fast 61 Jahre arbeitete Eberhard Schön mit Hingabe hier, 2006 verstarb der Meister. Seine Parte hängt noch immer an der Wand, auch am Türschild steht unverändert: "E. Schön Kupferdruck". "Ich bin erst 43 Jahre im Beruf, es wäre pietätlos, das Schild wegzunehmen", ist sein Sohn Wolfgang überzeugt.

Der Kasten mit Musterbüchern ist eine kulturgeschichtliche Schatztruhe. Adel 1, Adel 2, Rechtsanwälte, Ärzte, Diplomaten, Kultur steht auf den Rücken der Ordner, in denen Drucksorten in Klarsichthüllen aufbewahrt sind. Die Namen lesen sich wie ein "Who is Who" der Zweiten Republik. Franz Lehár, Herbert von Karajan, Wilhelm Furtwängler, André Heller und viele andere Persönlichkeiten finden sich hier. Bruno Kreisky ist sogar mehrfach - mit Visitkarten, Einladungen, Briefpapier - vertreten. Doch auch Leopold Figl, Franz Vranitzky, Kurt Waldheim und Jörg Haider legten Wert auf handgedruckte Visitkarten der Kunstanstalt Schön.

Aufwendige, aber elegante Sittenbilder

"Der Kupferstich ist das vornehmste, eleganteste Verfahren", erklärt der Meister. Seine Herstellung ist aufwendig, doch dank Prägung unverkennbar. Die Musterbücher sind auch Sittenbilder der Gesellschaft und ihrer Konventionen: So finden sich in der Nachkriegszeit oft Bezeichnungen wie "Herr und Frau Alfred Nemetschko". Auch gab man früher offenherzig, vielleicht etwas großspurig mehrere Titel, Wohn- und Arbeitsadressen und Telefonnummern an, während man heute vertraulichere Informationen lieber handschriftlich ergänzt.

Jede Visitkarte ist ein Miniaturporträt der Persönlichkeit - oder dessen, was man davon vermitteln will. Die Wahl der Schrift, Größe und Abstand zwischen den Buchstaben: All das erzeugt einen bestimmten Eindruck. Früher gab es klare Regeln: Damen wählten das Format 9 mal 5 cm, Herren bevorzugten 10 mal 6 cm, später kam gleichermaßen unisex die Scheckkartengröße von 8,5 mal 5,4 cm in Mode. "Heute nimmt jeder das, was zu ihm passt", sagt Schön. "Manche müssen 11 x 7 cm haben, andere wollen 8 x 4 cm und wieder andere haben ein Silberetui geerbt und brauchen Karten, die genau hineinpassen."

Rund 24 Schablonen mit unterschiedlichen Buchstaben - Blockschrift, Schreibschrift, römische, schraffierte, gotische - hat Schön im Sortiment. Aus diesen wählt die Kundschaft ihre präferierte Typografie, die der Kupferdrucker dann mit dem Pantographen oder Storchenschnabel auf eine Kupferplatte überträgt. Buchstaben und Abstände schreibt er sich vorher spiegelverkehrt von rechts nach links auf schmale, gelbe Bänder: Viele davon hängen als stille Zeugen erledigter Aufträge über dem Gerät.

Die Kupferplatte wird mit einer dünnen, angewärmten Asphaltschicht beschichtet. In diese Platte ritzt Schön spiegelverkehrt den Schriftzug und ätzt ihn in Eisen III Chlorid. Dann arbeitet er mit Stichel, Nadel, Polierstahl und Schaber nach, bis die Rillen perfekt sind. Dafür verwendet er eine Lupe, dann wird die Platte an den Rändern facettiert, damit er sich nicht verletzt. Mit einem Stoffballen reibt er sorgfältig eine Mischung aus Farbe, Leinöl und einer Spur Kreide in die Rillen, säubert den Rest der Platte, legt sie in die Druckpresse und dreht das große Rad ruhig und routiniert mit beiden Armen etwas weiter. Für jede Visitkarte ein Druckvorgang. Die Platte selbst hält so gut wie ewig und kann jederzeit zum Nachdruck verwendet werden. Wer will, kann Kleinigkeiten - wie Telefonnummern - nachträglich ändern.

Drei Euro verlangt Schön für einen Buchstaben in einfacher Schrift, fünf Euro für eine schraffierte Typo. Die Kupferplatte schlägt mit acht Euro zu Buche, für den Druck muss man dann mit 150 Euro pro hundert Stück Visitkarten rechnen. Erstaunlich wenig für den Luxus von hundert Unikaten in schönen Kartonschachteln, einzeln getrennt mit Seidenpapier. Schön druckt aber auch Kleinstauflagen ab einem Stück - und Kunstkarten mit verschiedensten Sujets: Weihnachtsmotive aus der Jahrhundertwende, Wien-Veduten, Heiligenbilder. Am Stephansplatz steht hier noch das alte Haashaus - auf Wunsch handkoloriert.

Die 10. Vienna Design Week findet von 30. 9. bis 9. 10. 2016 an verschiedenen Standorten in Wien statt.

www.viennadesignweek.at