Am 4. Juli 1873 begingen die USA, wie jedes Jahr seit 1777, den Unabhängigkeitstag. Auch der französische Dichter Paul Verlaine wollte sich an diesem Tag frei machen - allerdings nicht von einem Unterdrücker, sondern von seinem Geliebten, dem Dichter Arthur Rimbaud. Verlaine betrank sich, zog einen Revolver, schoss und verletzte das junge Genie am Handgelenk.

Der Revolver, der seither die bedeutendste Schusswaffe der französischen Literaturgeschichte ist, kam am 30. November des ablaufenden Jahres im Auktionshaus Christie’s zur Versteigerung.

Bach und Bikini

Ob ein Manuskript von Johann Sebastian Bach oder ein Porsche 356A, ob persönliche Gegenstände aus dem Besitz der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher oder aus dem des ehemaligen US-Präsidentenehepaars Ronald und Nancy Reagan oder der Bikini, den Ursula Andress in dem Film trug, in dem Sean Connery als James Bond die "gelbe Gefahr" Dr. No jagte: Christie’s nennt den Preis und wartet auf das Höchstgebot.

Und dann wäre da noch die Kunst: Nicht nur Picasso und Monet steigerten ihren Wert beträchtlich, auch Klimt, von der Republik Österreich an Maria Altmann restituiert. 250 Jahre wurde das Traditionshaus dieser Tage alt. Am 5. Dezember 1766 hatte James Christie in der Pall Mall, der legendären Straße in der Londoner City of Westminster, seine erste Versteigerung abgehalten.

Natürlich bedient man unziemliche Klischees der Pfennigfuchserei, wenn man darauf hinweist, dass dieser James Christie aus Schottland kam. Doch so war es nun einmal. Am 5. Dezember 1766 war er in Perth geboren worden. In London verfolgte er zielstrebig seine Idee, mit Versteigerungen Geld zu machen. Doch er war ein wirklicher Kunstkenner, befreundet mit einigen der bedeutendsten englischen Künstlern und Theoretikern seiner Tage. Zeitweise war er der Nachbar des Malers Thomas Gainsborough. Christie knüpfte enge Kontakte zur russischen Zarin Katharina der Großen, die sich seines Kunstverstands bediente, um die Sammlung der Eremitage um wesentliche Werke der westeuropäischen Kunst zu bereichern. Als James Christie 1803 starb, beerbte ihn sein namensgleicher ältester Sohn.

Heute steht das vermeintliche britische Traditionshaus allerdings längst in französischem Besitz. 1998 kaufte François Pinaults Holding Artémis 100 Prozent von Christie’s. Dessen ungeachtet, ist London der Hauptsitz des Auktionshauses geblieben.

Ein unwürdiger Besitzer ist Pinault nicht. Der Multimilliardär, dem auch Gucci, Yves Saint Laurent, Bottega Veneta und der Sportartikel-Hersteller Puma gehören, gilt als einer der bedeutendsten Kunstsammler der Gegenwart. Sein Schwerpunkt liegt auf der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. 2006 erwarb er den Palazzo Grassi in Venedig und ließ ihn vom japanischen Stararchitekten Tadao Ando zum Museum umbauen.

Von London nach Dubai

Die wichtigsten Auktionsorte von Christie’s sind heute London, New York, Paris und Hongkong. Rund 350 Auktionen bietet das Haus pro Jahr, 2015 machte es einen Umsatz von 7,4 Milliarden US-Dollar. 1900 Menschen arbeiten in den 54 Büros des Unternehmens, die auf 32 Länder der Welt verteilt sind. Im Jahr 2014 wurde die Französin Patricia Barbizet zum CEO des Unternehmens ernannt, damit ist sie der erste weibliche Geschäftsleiter in der Geschichte von Christie’s.

In jüngster Zeit konzentriert sich Christie’s nicht mehr nur darauf, die bestehenden Standorte auszubauen, sondern auch neue Märkte zu erschließen: Die Szenen in Russland, China, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben Begehrlichkeiten geweckt, der Erfolg des Vertriebs und der Ausstellungen in Peking, Mumbai und Dubai scheinen den Kurs vorerst zu bestätigen.