Wien. Wo Baupläne entstehen, ist Bürgerzorn meist nicht weit. Er regt sich nicht nur am Wiener Eislaufverein, sondern auch angesichts eines Projektes am Karlsplatz. Dort soll, ebenso wie das Wien Museum, ein weiteres Haus aufgestockt werden: Das sogenannte Winterthur-Gebäude zwischen Museum und Karlskirche könnte in die Höhe schießen. Was den Projektgegnern sauer aufstößt: Das Bürohaus, 1971 von Georg Lippert geplant und in den Nullerjahren von der Zurich-Versicherung erworben, klebt mit einem Abstand von drei Metern ohnedies fast am Gotteshaus. Nun soll es um zwei neue Etagen und ein Staffelgeschoß wachsen. Das Vorhaben genießt die Zustimmung der grünen Planungsstadträtin Maria Vassilakou.

Im Gegensatz zu den Stadtbildschützern vom Eislaufverein haben jene vom Karlsplatz allerdings ein Image-Problem: Die Schützenhilfe der Wiener FPÖ und der "Kronen Zeitung" (wider ein "Glas-Furunkel") hat die Plattform "Rettet die Karlskirche" mancherorts unbeliebt gemacht, wenn nicht gar wie einen Wutbürgertrupp aussehen lassen. Wohl auch aus diesem Grund haben die Initiatoren am Freitag prominente Köpfen für sich sprechen lassen: Der Künstler Erwin Wurm und Gerald Matt, ehemaliger Direktor der Kunsthalle Wien, äußerten vor Journalisten ihr Urteil über das Thema - es fiel erwartungsgemäß negativ bis vernichtend aus. Wobei Matt wohl ohnedies kein großer Freund der Wiener Grünen ist: Nicht zuletzt deren Kritik an seinem Führungsstil dürfte ihn 2012 zum Rücktritt als Kunsthallen-Chef bewogen haben.

"Brille, die blind macht"

Es war dann aber Erwin Wurm, der die Grünen frontal angriff: Sie trügen eine Brille, die sie "blind" mache für Kunst und Kultur. Matt wiederum wetterte gegen das geplante Winterthur-Wachstum. Die Karlskirche sei "der Star des Platzes", die geplante Aufstockung würde ihre Integrität "nachhaltig zerstören". Ins gleiche Horn stieß Friedmund Hueber, als Architekt und Denkmalpfleger ebenfalls am Podium. Bei einem Wachstum des Nachbarn hätte das Gotteshaus nicht mehr genug freien Wirkungsraum um sich, meinte er. Würde das Bürogebäude aber ein wenig von der Kirche abgerückt, würde er den Plänen zustimmen.

Was die selbsternannten Kirchenretter freilich auch stört: Wie für den Umbau argumentiert werde - jedenfalls laut ihrer Darstellung. Dieses "Wie" hat mit den Plänen für das "Wien Museum neu" zu tun. Wie seit 2015 bekannt, soll das beengte Haus einen Ausbau erhalten. Die Siegerpläne eines Architektur-Wettbewerbs sehen eine aufwendige "vertikale Erschließung" vor. Dabei soll ein neues Obergeschoß gleichsam über dem Haerdtl-Bau "schweben" und dazwischen ein weiterer Stock als "Fuge" entstehen. Außerdem, und dies ist nun der springende Punkt, soll das Museum künftig als "Solitär" am Platz stehen - und jener Korridor verschwinden, der den Bau bisher mit dem Bürohaus nebenan verband. Die Konsequenz dieses Abbruchs: Die Nutzfläche der Zurich-Versicherung würde schrumpfen. Die Stadt, so sagen die Projektgegner, behaupte nun, der Winterthur-Ausbau wäre dafür eine gerechte Kompensation. Dabei stimme die Rechnung nicht: Die Versicherung verliere ein paar hundert Quadratmeter, gewinne im Gegenzug aber mehrere tausend - und erziele so als Immobilienbesitzer einen enormen Wertzuwachs. Wie sich die Versicherung dafür bei der Gemeinde Wien revanchieren könnte, ist Basis dunkler Verschwörungstheorien.