Es gibt Bücher, bei denen recht interessant zu wissen wäre, wie viel Prozent jener, die es erworben haben, es auch tatsächlich zu Ende lesen. Im Falle von Slavoj Žižek neuestem Werk "Absoluter Gegenstoß", erschienen im S. Fischer Verlag, besteht der Verdacht, dass dieser Wert so niedrig sein dürfte wie bei kaum einem anderen in der jüngeren Zeit erschienenen Buch eines international bekannten und renommierten Autors, und dies, obwohl sich das Werk durchaus ganz gut verkauft.

Dass die allermeisten Käufer dieses Buch früher oder später zur Seite legen werden, ohne es abgeschlossen zu haben, hat einen simplen Grund: Es ist durch und durch unverständlich geschrieben und damit letztlich unlesbar. Der Autor scheitert völlig und umfassend daran, auch intelligenten und lernwilligen Lesern in einigermaßen klarer und verständlicher Sprache zu vermitteln, was er meint. Stattdessen produziert er eine fast 600 eng beschriebene Seiten lange Textwurst aus sprachlich völlig verdorbenen Zutaten, die keinerlei Erkenntnisgewinn verschaffen.

Der Leser ist gefordert

Angeblich geht es darum, "eine neue Grundlage des philosophischen Materialismus" (Klappentext) zu schaffen; ob das gelungen ist, werden die allermeisten Leser genauso wenig beurteilen können wie der Rezensent. Weil sie es nicht zu Ende lesen werden. Schon nach wenigen Seiten türmen sich Sätze auf zu mächtigen Barrieren, die das Fortkommen trostlos erscheinen lassen: "Pippin interpretiert meine Unvollständigkeitsthese richtigerweise vor dem Hintergrund des Status der Subjektivität, er ist sich durchaus bewusst, dass ich den Topos der ontologischen Unvollständigkeit entwickle, um die Frage zu beantworten: ,Wie muss die Realität strukturiert sein, damit (so etwas wie) die Subjektivität in ihr entstehen kann?‘" Oder: "Der hegelianische Weg wäre eine dritte Alternative: eine immanente strukturelle Inkonsistenz, welche die formale Matrix von innen her aufgrund eines inhärenten Antagonismus nicht wegen eines Exzesses der Realität scheitern lässt." Oder: "Stellt das Zurückspiegeln der ideologischen oder kognitiven Antinomiein der Realität nicht bloß eine Homologie zwischen der Inkonsistenz in der Ideologie und dem Antagonismus in der Realität her ..?"

Das sind nicht ein paar boshaft herausgepickte Passagen philosophischen Bullshit-Bingos; so geht das vielmehr vom Anfang bis zum 600 Seiten entfernten erlösenden Ende, so man sich das wirklich antun will. Eine "gewisse Sperrigkeit seiner Formulierungen" hat ein deutscher Rezensent das genannt, was ungefähr so ist, als würde man Stalin "einen gewissen Hang zu demokratiepolitischen Defiziten" attestieren.

Formal und sprachlich steht Žižek damit offenkundig in der Tradition Hegels, einem der Fixsterne in seinem Philosophen-Universum. Hegels Satz "Die Reflexionsbestimmung, indem sie zugrunde geht, erhält ihre wahrhafte Bedeutung, der absolute Gegenstoß ihrer in sich selbst zu sein, nämlich dass das Gesetztsein, das dem Wesen zukommt, nur als aufgehobenes Gesetztsein ist und umgekehrt, dass nur das sich aufhebende Gesetztsein das Gesetztsein des Wesens ist" ist deshalb auch der Titel des Werkes entnommen.

Plädoyer für Trump von links

Dass Žižek, Sloweniens zweitbekanntester Export-Popstar hinter Melania Trump, dermaßen wenig Rücksicht auf seine Leser nimmt, ist insofern bedauerlich, als der Mann durchaus zu originellem und nichtkonformistischem Gedankengut neigt - einer ja eher selten gewordenen Tugend. So hat sich der politisch links stehende Žižek etwa im Herbst 2016 ausgerechnet für Donald Trump als US-Präsident ausgesprochen. "Die eigentliche Gefahr ist Hillary", erklärte er in einem Fernsehinterview, weil sie "eine unmögliche All-inclusive-Koalition" aufbaue. "Sollte Trump siegen, dann müssen beide Parteien, die Republikaner und die Demokraten, zu ihren Grundlagen zurückkehren und umdenken." Dies würde zu "einem großen Erwachen" führen. Trump werde "keinen Faschismus einführen".

Na bitte, geht doch, und ist gar nicht so schwer: Ein klarer Gedanke, ein klarer Satz, man kennt sich aus, egal ob’s stimmt oder nicht. Was man von seinem jüngsten Werk leider nicht behaupten kann.

SACHBUCH

Absoluter Gegenstoß

Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus

Slavoj Žižek

S. Fischer, 656 Seiten, 28,80 Euro